Berlin : Wer die Nachtigall stört

Wie Flora und Fauna im Tiergarten mit dem Ansturm der Fans zurechtkommen

Anne Haeming

Erst Fußballfans, dann Techno-Tänzer und schließlich Christopher-Street-Day- Demonstranten – der Große Tiergarten erlebt dieses Jahr einen Massenansturm. Christoph Schaaf sieht das mit Beunruhigung, schließlich lebt er mittendrin im Grün. Der ehemalige Leiter des Grünflächenamtes durfte nach seinem Ausscheiden im Jahr 2000 die Dienstwohnung ein paar Schritte entfernt von der Straße des 17. Juni behalten und hat das derzeitige Treiben im Blick. „Bei den Schäden, die die Love Parade seit 1996 hier hinterlassen hat, fallen die der Fanmeile wahrscheinlich kaum auf“, sagt er. Sicherheitshalber hat er aber schon einmal Ortsbegehungen mit der Initiative „Lokale Agenda 21“ organisiert.

Zur WM hat der Bezirk noch einiges anpflanzen lassen. Rund 100 000 Euro wurden investiert, „damit das nicht so einen rudimentären Eindruck macht“, sagt Grünamtsleiter Harald Büttner. „Wir wollen unseren Gästen zeigen, wie schön Berlin und der Tiergarten sind“, es sei eben eine Leistungsschau. Während des Fanfestes werden außerdem rund 60 Kollegen mehr in den Grünanlagen des Bezirks Mitte unterwegs sein, den Rasen pflegen und Plastikbecher und Wurstzipfel von den Wegen klauben. Um fünf Uhr morgens beginnen Büttners Kollegen und die beauftragten Reinigungsfirmen ihre Touren. „Die Leute sollen immer den Eindruck haben, alles ist perfekt“. Wenn alles gut laufe, dann müsse sein Amt nur eine halbe Million zusätzlich für alle Grünflächen in Mitte wegen der WM ausgeben, sagt Harald. Noch steht der Bezirk in Verhandlungen mit dem Senat, schließlich seien es „außerplanmäßige Mittel“, und vielleicht gibt es Zuschüsse aus dem WM-Topf des Senats. Dennoch: Büttner macht einen gelassenen Eindruck. Gegen die Loveparade seien selbst vier Wochen Fanmeile ein Klacks. Nur das Toiletten-Problem müsse noch gelöst werden. 50 Cent kostet es, eines der blauen Häuschen auf der Fanmeile zu besuchen. Viele Besucher verschwinden deshalb rasch ins Gebüsch. Das bedeutet aber auch, dass Büttners Kollegen die Büsche verstärkt wässern müssen. „Diese Urin-Konzentration ist schädlich für die Pflanzen“.

Die Wildpinkler sind auch die größte Sorge von Ornithologe Klaus Witt. „Wenn die Fans quer durchs Gebüsch laufen, stören sie die brütenden Nachtigallen, Amseln oder Mönchsgrasmücken.“ Die Elterntiere hörten dann auf zu füttern, die Jungen sterben. Ab der zweiten Junihälfte dürften aber die meisten Jungvögel „über den Berg“ sein, beschwichtigt er. Die befürchtete Lautstärke der Fußballspiel-Übertragungen auf der angrenzenden Fanmeile seien sowieso kein Problem. „Das stört die Vögel erstaunlicherweise nicht, das haben wir schon bei der Loveparade gemerkt. Die Nachtigallen singen einfach lauter, um den Lärm zu übertönen.“ Auch die andere Fauna zeigt sich gegenüber Störungen abgehärtet: „Die Tiere kümmert es überraschenderweise nicht, was die Menschen mache“, sagt Christoph Schaaf. „Wir haben hier regelmäßig Füchse, Kaninchen und Habichte. Die lassen sich vom Lärm nicht stören.“

Die nächste Tiergarten-Begehung der Lokalen Agenda 21 ist am 13. Juni, 17 Uhr. Treffpunkt: Tunnelhaus B an der Siegessäule.

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