Berlin : „Wer entzieht James Bond die Lizenz zum Töten?“

Computerspiele-Entwickler Thomas Dlugaiczyk ist gegen Verbote von Killerspielen und fordert eine differenzierte Debatte

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Der Amoklauf eines 18-Jährigen in Emsdetten und auch die vereitelten Angriffspläne eines Schülers an der Berliner Bertha-von-Suttner-Oberschule haben die Diskussion um Gewaltdarstellungen in Computerspielen wieder angeheizt. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) tritt für ein Verbot ein. Thomas Dlugaiczyk kennt sich mit den sogenannten „Killerspielen“ aus. Er ist zweifacher Vater, ausgebildeter Sozialpädagoge und Gründer sowie Rektor der Berliner „Games Academy“, einer Schule für Spieleentwicklung und Design.

Herr Dlugaiczyk, warum spielt jemand stundenlang Killerspiele?

Spielen ist ein natürlicher Trieb des Menschen. Alle Wesen, die sich sozial organisieren, spielen. Auch Ameisen. Es ist kommunikativ und sozial. Heutzutage spielen die Menschen vor allem miteinander über das Internet – egal aus welchem Land sie kommen oder welcher Religion sie angehören. Kommunikation via Computer ist nicht grundsätzlich schlecht.

Auch wenn im Internet Krieg gespielt wird?

Wir spielen das, was wir schon immer gespielt haben. Nehmen Sie zum Beispiel Völkerball. Jedes Kind lernt das im Sportunterricht. Da werden Menschen mit einem Ball abgeschossen, und Sieger ist die Mannschaft, die die meisten umgenietet hat. Counter-Strike …

… das beliebteste Killerspiel weltweit …

… ist im Prinzip nichts anderes als eine konsequente Fortführung von Völkerball: Einfache Spielstruktur, hohe Spieldynamik. Kurz: Es macht einfach Spaß. Bei Counter-Strike kommt auch noch eine taktische Komponente dazu.

Niemand spielt aber Völkerball mit Maschinengewehr und in Uniform.

Junge Männer – und das sind in neun von zehn Fällen die Spieler von Counter-Strike – haben ein Bedürfnis, sich in diesen militärischen Szenarien zu bewegen, Räuber und Gendarm zu spielen. Zumal in einer so pazifistisch eingestellten Gesellschaft wie unserer. Das schafft eine dramatische Atmosphäre – wie bei vielen Hollywood-Spielfilmen – und fasziniert junge Leute. Und dann wollen sich die Jungs miteinander messen. Wer ist der Schnellste, der Schönste, wer hat das schickste Auto. Konkurrenzdenken bestimmt auch den Alltag.

Und dann werden aus diesen Counter-Strike-Spielern reale Mörder?

Natürlich nicht. Es ist nur ein verschwindend kleiner Teil der Spieler, die von der militärischen Atmosphäre und der Gewalt gefährlich in den Bann gezogen werden. Aber auch dann sind das noch keine potenziellen Mörder. Niemand, der sich ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt, wird sagen, dass Menschen allein durch Computerspielen zu Mördern werden. Es gibt Millionen von jungen Männern weltweit, die regelmäßig Killerspiele spielen und niemals auf die Idee kämen, ihren Nachbarn zu erschießen. Solche Täter sind zutiefst verzweifelt. Und diese Verzweiflung rührt aus ihren realen Lebensumständen her.

Wer aber schon verzweifelt ist, dessen Aggressionen werden durch solche Spiele gefördert?

Aggressionen können entstehen oder verstärkt werden, wenn sich ein Frustrierter vor den Computer setzt und solche Spiele spielt. Aggressiv sind junge Leute aber vor allem, wenn ihnen Zuneigung fehlt, wenn sie keine Chancen und Perspektiven für sich sehen. Diese Probleme gibt es nicht erst seit Computerspielen.

Spielen ihre Kinder Counter-Strike?

Nein. Mit meinem 14-jährigen Sohn habe ich lange und intensiv darüber gesprochen, warum er erst mit 16 alt genug für Counter-Strike ist. Klar kann ich ihn nicht rund um die Uhr beaufsichtigen, etwa, wenn er bei Freunden ist. Aber ich denke, das offene Gespräch hat geholfen, mein Verbot zu akzeptieren.

Sind Sie also für ein generelles Verbot von Killerspielen, wie es beispielsweise Günther Beckstein jetzt fordert?

Natürlich nicht. Ein Verbot schafft für die Öffentlichkeit eine falsche Sicherheit, denn damit lassen wir die Jugendlichen mit ihren wirklichen Problemen weiterhin allein. Bevor jemand lautstark nach Verboten ruft, sollte er ohnehin die aktuelle Rechtslage prüfen. Jeder, der das tut, wird im Strafgesetzbuch Paragraf 131 lesen, dass gewaltverherrlichende Medien bereits verboten sind. Politiker, die ein Verbot fordern, machen sich lächerlich. Jedes Jahr werden Tausende junge Männer zum Wehrdienst ausgebildet. Wie sollen Jugendliche verstehen, dass von dem Dienst an der Waffe keine Gefahr ausgeht, aber von virtuellen Schießereien schon? Im neuen James-Bond-Film läuft mehr als zwei Stunden im Kino exakt das gleiche wie in Killerspielen ab, einschließlich Folterszenen. Warum kommt eigentlich kein Politiker auf die Idee, James Bond die Lizenz zum Töten zu entziehen?

Was empfehlen Sie stattdessen?

Eine differenziertere Debatte in der Öffentlichkeit. Den Jugendlichen mehr Alternativen zum Computerspielen anbieten. Diskutieren, ob eine Ganztagsschulbetreuung helfen könnte. Stattdessen wird die ganze Spielebranche kriminalisiert und als Sündenbock für andere gesellschaftliche Missstände hingestellt. Und hinterher wundert man sich wieder über steigende Politikverdrossenheit und Frust bei jungen Leuten.

Das Gespräch führte Paul Dalg.

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