Berlin : Wer illegale Zigaretten kauft, muß mit Schießereien rechnen

WERNER SCHMIDT

BERLIN .Die Skrupel der Vietnamesen, ihre Auseinandersetzungen auf belebten Straßen und Plätzen auszutragen, werden immer geringer.Diesen Schluß zieht Detlef Schade, der im Landeskriminalamt für die Ermittlungen im Vietnamesen-Komplex zuständig ist, aus dem Mord an einem 30jährigen Zigarettenhändler in Lichtenberg.

Immer wieder nehmen die Hintermänner der Zigarettenhändler in Kauf, daß harmlose Passanten von den Schüssen getroffen werden.Für Schade ist es eine bemerkenswerte "Qualitätssteigerung", daß nun auch an stark belebten Plätzen geschossen wird, wo häufig Zigarettenhändler ihre Ware feilbieten.Das ist Grund für Detlef Schade, eine Warnung an die Käufer unversteuerter Zigaretten auszusprechen: "Wer als Erwerber an so einen Platz geht, muß damit rechnen, daß er in eine Schießerei gerät".

Auch elf Tage nach den tödlichen Schüssen auf den 30 Jahre alten Vietnamesen Tran Van Yen in Lichtenberg kann die Polizei nur vermuten, was hinter der Bluttat steckte: "Es stellt sich diffus dar", sagte Ermittler Schade.Für ihn ist der Mord an dem 30jährigen Folge eines Streits zwischen zwei Schutzgelderpresserbanden: Die Erpresser seien verpflichtet, nach den ständigen gegenseitigen Warnungen und Drohungen "ab und zu auch einmal Taten folgen zu lassen."

Auch in diesem Fall könne man von Glück sprechen, daß keine Unbeteiligten verletzt wurden, denn der Täter schoß auf der belebten Frankfurter Allee viermal hinter seinem fliehenden Opfer her und traf es tödlich.Zwar wurde ein Verdächtiger bereits verhaftet, ob er allerdings die die tödlichen Schüsse abfeuerte, ist ungeklärt.

Motiv für diese teils brutalen, immer aber blutigen Streitereien sind die Schutzgelder, die Vietnamesen von den Zigarettenhändlern kassieren.Je nach Standort müssen die Händler zwischen 500 und 1500 Mark monatlich bezahlen.Ob im Fall des getöteten Tran Van Yen zufällig zwei Schutzgelderpresserbanden aufeinandergestoßen sind, oder sie das Terrain "ausgeschossen" haben, ist bisher nicht geklärt; klar ist aber, daß Schade und seine Mitarbeiter bereits seit Monaten damit rechneten, daß es zu einem erneuten Ausbruch von Gewalt unter den vietnamesischen Banden kommt: "Die Situation war nie ruhig."

Allerdings waren die Banden nach den Festnahmen der Chefs Ende 1996 deutlich geschwächt und brauchten lange, um sich wieder zu organisieren.In dieser Zeit waren sie weder logistisch noch personell noch von der Bewaffnung her in der Lage, um Revieranteile zu kämpfen.Nun scheinen sich allerdings die Vorzeichen langsam, aber sicher wieder zu ändern.

Die Fahndungserfolge der Polizei und die bisher gefällten Gerichtsurteile gegen Bandenchefs haben das Vertrauen der vietnamesischen Zigarettenhändler in die Polizei gestärkt.Zahlreiche Hinweise gehen auf dem Anrufbeantworter im LKA ein, der in vietnamesischer Sprache besprochen ist.Ein Dolmetscher übersetzt die Hinweise dann für die Ermittler.Allerdings tut sich hier ein neues Problem auf: Die Polizei leidet unter einem dramatischen Mangel an Dolmetschern.Zwar arbeiten mehr als zehn Übersetzer für die Polizei.Diese werden aber derzeit auch im Gericht gebraucht, wo ein Verfahren gegen mehrere Angehörige der Zigarettenmafia noch läuft.

Jeder Angeklagte hat das Recht auf einen eigenen Dolmetscher.Da schrumpft die Liste derjenigen, die der Polizei bei Vernehmungen zur Hand gehen können, schnell."Es kommt schon mal zu Engpässen", sagte Schade, "weil die Dolmetscher auch noch für den Zoll arbeiten."

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