Berlin : Wer in den Krieg zieht, hat den Verstand verloren

Claudia Keller

SONNTAGS UM ZEHN

Hanna Haikal ist Priester von St. Georgios in Zehlendorf, einer byzantinisch-orthodoxen Gemeinde. In der orthodoxen Kirche ist die Predigt den ritualisierten Gesängen und Gebeten untergeordnet. Dem Priester ist es überlassen, ob er nach der Lesung aus dem Paulus-Evangelium etwas sagt oder nicht. Haikal ergreift meistens das Wort und in diesen Wochen meistens für die Menschen im Irak, für die Iraker genauso wie für die amerikanischen und britischen Soldaten. „Wir leiden mit den Menschen mit, wir beten für die Erleuchtung beider Seiten“, sagt der 35-jährige Haikal. Im Krieg gebe es nicht auf der einen Seite Engel und auf der anderen Teufel. Wo der Dialog abgebrochen ist, befänden sich alle Menschen para-logos, über der Vernunft, mit anderen Worten: Sie haben den Verstand verloren. So wie Haikal denken viele der Christen, die sich sonntags hier versammeln. Sie kommen aus dem Libanon, Syrien, Palästina und aus dem Irak.

Im Kirchenraum von St. Georgios fühlt man sich wie in einem Schatzkästchen. Von außen sieht der Betonquader aus wie eine Turnhalle. Im Innern erstreckt sich über die gesamte Stirnseite vom Boden bis zur Decke eine Ikonenwand mit farbenprächtigen Heiligenbildern. Sie wurden auf dem Berg Athos in Griechenland für die Berliner Gemeinde geschaffen. Rechts vor der Ikonenwand steht ein Pult, um das sich der Chor versammelt. Er singt und preist den Herrn und betet und bittet auf arabisch und auf deutsch – immer in Zwiesprache mit dem Priester am Altar. Nach dem Gottesdienst wird gegessen, gefeiert und Karten gespielt.

Mit 60 Familien hat sich die Gemeinde vor zehn Jahren gegründet, heute gehören 150 Familien hierher. Was wird nach dem Krieg aus den Christen im Nahen Osten, fragen sie sich. Nicht nur irakische Familien, wie die Gabbaras machen sich Sorgen um ihre Verwandten und Freunde. Dass die Alliierten eine schnelle Befriedung der Region herbeiführen, glaubt kaum einer. Die Christen sind die Minderheit im Orient. Wer kann, flieht in den Westen.

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