Berlin : Wer motivieren soll, verdient Anerkennung

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Betrifft: Schulen in Berlin

Frau U. hasst mich, wie ihr Buchtitel verrät. Mich als Lehrerin und ganz pauschal. Nun, damit kann ich leben, solange ich noch Briefchen meiner Zweitklässler auf dem Lehrertisch vorfinde: „Ich liebe dich. Grus Celine.“ Oder solange die Ehemaligen mal eben vorbeischauen, um zu berichten, wie es läuft. Da bekomme ich Respekt und Anerkennung, die mir sagen, dass Beruf etwas mit Berufung zu tun hat. Die Öffentlichkeit sagt mir das schon lange nicht mehr: faule Säcke, schlechte Leistung, fertig. Ihre Fragestellung passt da: „Braucht Berlin mehr Klasse als Masse?“

Leider bemerke ich bei uns nur Schülermassen. Unsere Klassenfrequenzen liegen im Schnitt bei knapp unter dreißig, da differenziert es sich prima. Aber Pisa sagt ja, das spiele keine Rolle. In der Schule findet täglich mehr soziales Lernen statt, als sich Pisa- und Finanzgeschockte träumen lassen. Alles nichts mehr wert? Erziehung nur noch ein Zahlenspiel um Kostenfaktoren und Rankinglisten?

Wenn sich die Entscheidungsträger dieser Stadt einmal ernsthaft für die Stimmungslage in den Schulkollegien interessieren würden, müssten die Alarmglocken die Pseudoreformseligkeit unterbrechen. Wir haben uns viel gefallen lassen in den letzten Jahren – Arbeitszeitverlängerung und Gehaltskürzung haben uns erheblich getroffen. Die Reformen verlangen enormen zusätzlichen Zeit- und Kräfteaufwand. Wir sind uns bewusst, dass sie nur gelingen werden, wenn wir sie an vorderster Stelle mittragen. Aber das erste Gesetz des Lernens und Lehrens heißt Motivation. Wer uns ständig sagt, wie schlecht unsere Arbeit war und ist, wer medienwirksam zum Lehrerhass aufruft, wer uns wie unmündige Befehlsempfänger behandelt, wer Stellen streicht, anstatt die teuer ausgebildeten jungen Kollegen zu übernehmen, der gefährdet die Reformen und setzt die Zukunft von Schülern und Gesellschaft aufs Spiel.

Die skandinavischen Länder haben sich nicht zuletzt deshalb Respekt im Schulbereich erkämpft, weil dieser ihren Lehrern von der Öffentlichkeit auch entgegen gebracht wird. Geprügelte Hunde dagegen, die machen sich irgendwann einfach davon.Karin Köhn, Frohnau

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