Berlin : Wer schlägt, ist falsch erzogen

Türkische Organisationen werben bei ihren Landsleuten für moderne Erziehungsmethoden

Annette Kögel

„Falsche Toleranz hilft keinem.“ Safter Cinar ist einer der Sprecher des Türkischen Bundes (TTB) und Vorsitzender des Türkischen Elternvereins – und er ist für klare Worte in diesen Tagen. Seitdem Pöbeleien und Provokationen von Jugendlichen deutscher, aber auch türkischer und arabischer Herkunft in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert werden, will auch „die türkische Community noch mehr auf Eltern zugehen und aufklärerisch tätig werden“, kündigte Cinar an. So soll die Zusammenarbeit mit türkischen Eltern durch Projekte vor allem an Schulen intensiviert werden.

Das Einwirken auf Mütter und Väter, die Werte wie strenge Erziehung und Schläge verinnerlicht haben, werde aber nicht alles „sofort verändern können“, sagt Cinar. Natürlich spiele eine Rolle, dass der Großteil der türkischen Einwandererfamilien aus ländlichen Gebieten und bildungsfernen Schichten stamme. Doch erschwert werde die Modernisierung der türkischen Community durch die Entwicklung, dass sich viele zunehmend in die innere Emigration zurückzögen. Weil sie sich trotz jahrzehntelangen Arbeitens in diesem Land immer noch von Deutschen abgelehnt fühlten.

Deshalb behielten viele Sprichwörter aus der Türkei auch hier ihre Gültigkeit: „Die Prügelstrafe entspringt dem Paradies.“ Oder: „Wo der Hodja hinhaut, wachsen Rosen.“ Ein anderes laute sinngemäß: Wer seine Tochter nicht haut, wird das bedauern. Zwar werde der Familienzusammenhalt von einigen Deutschen mitunter auch neidisch betrachtet. Für Cinar ist das aber teils auch „eine Form von Unterdrückung“: Wenn junge Menschen vor den Älteren kuschen müssten, eigene Bedürfnisse nicht anerkannt werden.

Gegenüber den deutschen Lehrern, Nachbarn, Passanten würde dann dieser Druck abgelassen. Viele türkische Mütter und Väter hätten Angst, dass ihre Kinder in der deutschen Gesellschaft „auf die schiefe Bahn geraten“ – wegen vorehelichem Geschlechtsverkehrs oder auch Drogen. Und sie erreichten durch Verbote und Einschränkungen doch das Gegenteil.

Der Sprecher des Türkischen Bundes weiß, dass er sich mit solchen Äußerungen bei seinen Landsleuten nicht gerade beliebt macht. Wie deutsche Politiker ausländerfeindliche Taten vor einiger Zeit reflexartig als Einzelfälle abtaten, so nähmen auch jetzt viele Türken schnell eine „Reflexverteidigungshaltung“ ein. Dies sei bei Personen, die sich ständig angegriffen fühlten, eine menschliche Reaktion. „Aber wir müssen trotzdem weiter auf die betreffenden Eltern eingehen.“

Der Türkische Bund will zum Beispiel Themenabende zu Pubertät oder Sexualaufklärung anbieten, bei denen auch über Erziehung zu selbstständigeren Menschen gesprochen wird. Es gibt auch Kooperationen, zum Beispiel mit der Otto-Wels-Grundschule und der Eberhard-Klein-Oberschule in Kreuzberg, wo türkische Mitarbeiter Väter und Mütter für ein Gespräch auch mal zu Hause besuchen.

Neben kulturellen Hintergründen seien aber auch soziale Faktoren nicht zu vernachlässigen: Entlassung, Arbeitslosigkeit, Außenseitertum. Dennoch, so Cinar, sei es falsch, wie in den 80er- und 90er-Jahren aus falscher Toleranz heraus Dinge bei Jugendlichen durchgehen zu lassen. „So haben sie sich einen Schonraum erobert.“ Allerdings bittet Cinar die Deutschen auch, daran zu denken, dass „die Entwicklung dieses Landes aus einem feudalen System heraus auch nicht von heute auf morgen vollbracht wurde“. Viele türkische Berliner seien bereit, sich für ein besseres Miteinander in der Stadt zu engagieren.

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