Berlin : „Wer schweigt, trägt Mitverantwortung“

In Heimen werden Zustände geduldet, die in Gefängnissen undenkbar wären, sagt Pflegekritiker Fussek. Doch Versorgungsmängel sicherten Arbeitsplätze in der Klinik. Und gute Pflege werde finanziell bestraft

6,5 Prozent der Heimbewohner in Deutschland werden in ihrer Freiheit eingeschränkt, mehr als 24 Prozent haben keine zufriedenstellend dokumentierte Krankengeschichte und mehr als 15 Prozent bekommen eine mangelhafte Inkontinenzversorgung: Nur einige Ergebnisse aus dem jüngst vorgelegten Bericht des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK). Trotz der ebenfalls festgestellten Verbesserungen gegenüber dem letzten Bericht 2004 gibt es noch zu viele Mängel. Moritz Honert sprach mit dem profilierten Pflegekritiker Claus Fussek über die Situation in deutschen Heimen.

Herr Fussek, wie ist es zurzeit um die Pflegeheime in Deutschland bestellt?

Die Branche boomt. Die Qualität der Häuser ist jedoch sehr unterschiedlich. Natürlich gibt es Heime, die gute Arbeit leisten, es gibt aber auch solche, die geschlossen werden müssten, weil dort kein Mensch freiwillig auch nur einen Tag bleiben möchte. In manchen Heimen werden zum Teil Zustände geduldet, die in Kindergärten, Gefängnissen oder sogar Tierheimen undenkbar wären. Dabei ist nicht einmal die finanzielle Ausstattung ausschlaggebend. Es gibt Häuser, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen wie ein schlechtes Heim trotzdem eine ordentliche Pflege erbringen.

Hat sich an der Situation in den letzten Jahren etwas geändert?

Eigentlich ist es seit 25 Jahren permanent fünf vor zwölf. Eines der wenigen Dinge, die wir erreicht haben, ist es, eine anhaltende öffentliche Diskussion in Gang gebracht zu haben. Man darf allerdings nicht vergessen, dass es ein Milliardengeschäft ist, wenn sich nichts bewegt. Hinter vorgehaltener Hand sagen mir Ärzte, dass jedes Druckgeschwür einen Arbeitsplatz in der Chirurgie sichert. Für jeden dieser Pflegefehler zahlen Krankenkassen anstandslos bis zu 20 000 Euro.

Was sind die größten Pflegeprobleme?

Das größte Problem ist die fehlende Transparenz. Niemand weiß, wo das Geld, das für Pflege aufgebracht wird, genau hinfließt. Außerdem sind die Pflegekräfte oft derart überlastet, dass sie das, was sie in der Ausbildung gelernt haben, gar nicht umsetzen können. Seit Jahren fordern Experten eine Verbesserung des Personalschlüssels, passiert ist jedoch kaum etwas.

Was für Folgen hat das?

Derzeit kann nicht einmal sichergestellt werden, dass alle Menschen in den Pflegeheimen genug zu essen und zu trinken bekommen. Passiert das in einem Flüchtlingslager, ist die Empörung groß. Bei alten Menschen jedoch regt sich niemand auf, wenn ihnen Magensonden gelegt werden, damit sie nicht mehr „gefüttert“ werden müssen. Da wird noch argumentiert, es seien ja „nur“ 10 Prozent aller 700 000 Heimbewohner, die nicht ordentlich versorgt werden – eine Minderheit also. Doch wir reden hier von rund 70 000 Menschen.

Welche Reaktionen hätten Sie sich auf den jüngsten MDK-Bericht gewünscht?

In meinen Augen ist es eine Schande, dass es weder bei den Heimbetreibern, noch bei den Kirchen und auch nicht im Bundestag einen Aufschrei gab. Das Schlimme ist ja, dass allen Ärzten, Kontrolleuren und Pflegekräften die Situation bekannt ist. Wir haben kein Erkenntnis-, sondern nur ein Umsetzungsproblem.

Wer ist dafür verantwortlich?

Wer diskriminiert und erniedrigt alte Menschen? Das sind Pflegekräfte – aber selbstverständlich nicht alle. Natürlich kämpfen wir nur gegen schlechtes Personal. Ich mache niemandem den Vorwurf, dass er sich nicht zu zweit um 30 oder mehr Bewohner kümmern kann. Doch wenn jemand über solche Zustände schweigt und mitmacht, trägt er einen Teil der Verantwortung.

Warum schweigen die Pflegerinnen und Pfleger?

Dass viele schweigen, liegt zum einen daran, dass gute Pflege heute bestraft wird. Wenn das Pflegepersonal es zum Beispiel schafft, dank guter Pflege einen Bewohner wieder selbstständiger zu machen, dann kann es passieren, dass er eine Pflegestufe zurückgestuft wird und das Heim weniger Geld bekommt. Zum anderen gibt es einen Teufelskreis der Angst. Viele Pfleger trauen sich nicht, auszupacken, aus Sorge um ihren Arbeitsplatz. Genauso fürchten Bewohner sich vor Beschwerden, weil sie Angst haben, danach schlechter behandelt zu werden. Aber es wird besser. Ein Erfolg ist, dass inzwischen zwei Drittel meiner Informanten couragierte Pflegekräfte sind.

Welche Möglichkeiten sehen sie, etwas zu ändern?

Einfach mehr Personal und Geld zu geben, reicht nicht. Was wir brauchen, sind bessere Rahmenbedingungen. Dazu zählen mehr unangemeldete Kontrollen, verpflichtende Schulungen für das Personal sowie die Einhaltung der Vorschrift, dass die Pfleger nur dokumentieren dürfen, was sie auch tatsächlich geleistet haben. Dann würden die Defizite ganz schnell schwarz auf weiß vorliegen. Doch so lange wir alle wegschauen, wird sich nichts ändern. Gefordert ist die gesamte Gesellschaft.

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