Berlin : Wer sonst nochkandidiertMit Sicherheit sozialistischWas wurdeeigentlich aus . . .

Nazi-Aufmärsche haben an der Wählerstruktur in Lichtenberg nichts geändert: Der Bezirk gilt immer noch als rote Hochburg – frohe Kunde für die PDS-Kandidatin

NAME

Für die rechtsextreme NPD steht der 49-jährige Kreisvorsitzende Albrecht Reither zur Wahl. Sein Beruf: selbstständiger Mechaniker. 1998 hatte die NPD keine Direktkandidaten in Friedrichshain-Lichtenberg oder Pankow-Weißensee-Hohenschönhausen aufgestellt. Bei den Zweitstimmen kam sie auf 0,8 beziehungsweise 0,7 Prozent. Die zweite Außenseiter-Partei ist die KPD – eine Neugründung unter dem n der 1956 verbotenen Kommunistischen Partei Deutschlands. Sie schickt in Lichtenberg ihren einzigen Berliner Direktkandidaten ins Rennen: den Rentner Rudolf Focke. Mit 79 Jahren ist er der stadtweit älteste Bewerber für den Bundestag. CD

Von Cay Dobberke

Das Votum der Lichtenberger kann bei dieser Wahl tatsächlich bundespolitische Bedeutung erhalten. Wenn nämlich die PDS an der Fünf-Prozent-Hürde scheitert, braucht sie mindestens drei Direktmandate, um in den Bundestag einzuziehen. Und neben Marzahn-Hellersdorf ist Lichtenberg der einzige Wahlkreis, in dem ein PDS-Sieg wohl schon feststeht. Nach elf Jahren im Abgeordnetenhaus dürfte Direktkandidatin Gesine Lötzsch in den Bundestag wechseln. Fraglich ist, wie viele Parteifreunde sie dort um sich hat.

Bereits 1994 hatte es die PDS allein durch ihre Erfolge in vier Berliner Wahlkreisen – darunter in Friedrichshain-Lichtenberg und Pankow-Weißensee-Hohenschönhausen – ins Parlament geschafft. 1998 lag sie bei den Erststimmen wieder vorn, die SPD bekam allerdings mehr Zweitstimmen. Offiziell gibt sich der SPD-Direktkandidat Andreas Köhler allerdings nicht geschlagen. Sein Konkurrent Georg Eickhoff (CDU) versucht mit bis zu 10 000 Hausbesuchen, einen Stimmungsumschwung zu erreichen. Dagegen haben sich Claudia Hämmerling (Grüne) und Stefan Schleif (FDP) mit ihrer Außenseiterrolle abgefunden. Der neue Wahlkreis entspricht dem Großbezirk, der 2001 durch die Fusion mit Hohenschönhausen entstanden ist.

In die Schlagzeilen geriet Lichtenberg in den vergangenen Jahren zwar immer wieder wegen rechtsradikaler Aufmärsche oder rechte Straftaten. Allerdings finden bei den Wählern rechtsextremistische Parteien kaum Anklang. Vielmehr ist Lichtenberg eine „rote Hochburg“ geblieben. Jedes Jahr wird der Friedhof Friedrichsfelde zur Wallfahrtsstätte zehntausender Alt-Kommunisten, Sozialisten und Anarchisten. Die Gedenkmärsche mit Kranzniederlegungen führen zu den Gräbern von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In der Bezirkspolitik ist die Macht der PDS ungebrochen: Die Partei stellt nicht nur den Bürgermeister Wolfram Friedersdorff, sondern auch drei der fünf Stadträte. In der Bezirksverordnetenversammlung hat sie mit 32 der 55 Sitze eine komfortable Mehrheit.

Taugt Lichtenberg zum Lieblingsbezirk? Keineswegs. Der Ruf des Stadtteils ist schlecht – da sind sich die Kandidaten aller Parteien einig. Wer Lichtenberg kaum kennt, denkt zuerst an die heutigen Gedenkstätten in der Stasi-Zentrale an der Normannenstraße und im Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen oder an die Plattenbauten. Doch der Bezirk hat auch dörflich-charmante Seiten: alte Siedlungen wie die Viktoriastadt aus dem 19. Jahrhundert oder die einstigen Dörfer Falkenberg, Malchow und Wartenberg. Die größte Attraktion des Bezirks ist der Tierpark Friedrichsfelde, der jährlich mehr als eine Million Besucher anlockt. Das dortige Schloss Friedrichsfelde ist gerade renoviert worden und hat seit Juni wieder geöffnet. Gute Nachrichten gibt es auch von der Trabrennbahn Karlshorst, deren drohende Schließung in diesem Jahr abgewendet wurde. Lichtenberger Bürger sind weder besonders arm noch wohlhabend: Das Haushaltsnettoeinkommen von 1475 Euro entspricht genau dem Mittel in Berlin. Die Quote der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger liegt knapp unter dem Durchschnitt.

1994 und 1998 siegte Christa Luft (PDS) in Friedrichshain-Lichtenberg. Jetzt gibt die 64-jährige Professorin und DDR-Wirtschaftsministerin der Wendejahre 1989 und 1990 aus Altersgründen ihr Mandat ab. „Bereits zu DDR-Zeiten war es mir suspekt, wenn mancher und manche sich unabkömmlich wähnten“, sagt sie. Der frühere SPD-Kandidat Helios Mendiburu war zehn Jahre lang Bürgermeister in Friedrichshain. Inzwischen trat er aber aus der SPD aus, weil er die rot-rote Koalition in Berlin ablehnt. Die DDR-Bürgerrechtlerin Angelika Barbe kandidierte 1998 für die CDU; 2001 scheiterte ihre Ernennung zur Beauftragten für die Stasi-Akten in Sachsen. Im Wahlkreis Hohenschönhausen-Lichtenberg-Weißensee gewann 1998 der ehemalige Landesvorsitzende der Gewerkschaft HBV, Manfred Müller (PDS), der diesmal nicht wieder antritt. Die letzte DDR-Volkskammerpräsidentin und spätere Gesundheitsstaatssekretärin Sabine Bergmann-Pohl (CDU) kam per Landesliste in den Bundestag, den sie nun verlässt. Stattdessen möchte sie Präsidentin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Berlin werden. CD

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben