Berlin : Wer viel korrigiert, soll weniger unterrichten

Schulverwaltung prüft Modelle für eine individuelle Arbeitszeitverteilung in den Schulen. Wer hat mehr Stress: Deutschlehrer oder Sportlehrer?

Susanne Vieth-Entus

Für Berlins Lehrer soll die Arbeit gerechter verteilt werden: Wer viele Klausuren korrigieren muss oder sich stark im Schulleben engagiert, könnte künftig weniger unterrichten als andere Lehrer. Die Bildungsverwaltung prüft jetzt verschiedene Modelle, die sie im Frühjahr vorstellen will. „Die Zeit ist reif“, sagt Schul-Staatssekretär Thomas Härtel (SPD). „Die Debatte muss geführt werden“, meint auch die PDS.

Die Bildungsverwaltung ist doppelt in der Pflicht: Zum einen steht in der Koalitionsvereinbarung klipp und klar, dass die Lehrerarbeit umverteilt werden soll, um „mehr Gerechtigkeit“ zwischen den verschiedenen Fächern herzustellen. „Wir stehen unter Druck“, sagt Härtel. Seit Jahren beklagen Deutsch- und Fremdsprachenlehrer ihre überdurchschnittliche Korrekturbelastung, die ihnen nach eigenen Angaben nicht nur Oster-, Herbst- und Weihnachtsferien vermasselt, sondern auch ganze Nächte und die Wochenenden. Diese Unzufriedenheit ist seit den letzten Arbeitszeiterhöhungen noch gestiegen, weil jede Stunde mehr Unterricht eben auch mehr Klausuren bedeutet. Inzwischen ist aber nicht nur in Berlin Bewegung in die Diskussion gekommen. In Hamburg hat eine „Arbeitszeitkommission“ soeben im Auftrag von Schulsenator Rudolf Lange (FDP) ein Modell entwickelt, dass die Korrekturfächer entlastet und besonderes Engagement, wie beispielsweise die Leitung eines Schulorchesters oder die Betreuung von Sportmannschaften würdigt. Die Kommission schlägt vor, jedes Fach je nach Zeitaufwand mit einem Faktor zu versehen. Ein Deutschlehrer müsste dann einige Stunden weniger unterrichten als ein Sportlehrer. Härtel will sich jetzt in Hamburg über das Modell informieren. Trotz dieser Hamburger „Vorlage“ dürfte es allerdings mit der Umsetzung nicht einfach werden. Schon stehen die Kunst-, Sport- und Musiklehrer in den Startlöchern, um zu protestieren. Die SPD-Schulpolitikerin Felicitas Tesch und auch ihre Kollegin von der PDS, Sieglinde Schaub, halten es für „schwierig“, ein Arbeitszeitmodell „von oben“ zu verordnen. Die Schule selbst solle entscheiden, wie Arbeit verteilt wird, dabei auch Kriterien wie die Klassen- oder Kursgröße und das Engagement der Lehrer außerhalb des Unterrichts berücksichtigen.

So wird es wohl auf verschiedene Modelle hinauslaufen, die erstmal an einigen Schulen ausprobiert werden. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat bereits angekündigt, dass sie sich solchen Modellen nicht verschließt. Der Verband der Oberstudiendirektoren „begrüßt“ die beabsichtigte Entlastung der Korrekturfachlehrer. Auch aus den Schulen gibt es unterschiedlichste Signale. Der Leiter des Friedrichshainer Dathe-Gymnasiums, Lutz Vogeler, warnt vor einer Geringschätzung der korrekturarmen Fächer. Er verweist etwa auf den Stress im Sportunterricht – in veralteten, akustisch miserablen Hallen, die kein Arbeitsmediziner akzeptieren würde.

Sein Kollege von der Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule, Gerhard Rähme, plädiert für einen Stundenpool, den das Kollegium selbst verwaltet. Der FDP geht das alles nicht weit genug. Ihre Abgeordnete Mieke Senftleben fordert, dass die unterschiedliche Arbeitsbelastung endlich umfassend durchleuchtet wird. So müsste eine Jahresarbeitszeit ermittelt werden, in die alle Aktivitäten der Lehrer einfließen. Bildungssenator Klaus Böger (SPD) solle auch vorschlagen, wie die Lehrerleistung durch Zusatzhonorierung gesteigert werden könne.

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