Berlin : Wer wird Landeschef der CDU?

Günter Nooke Was spricht für den Kandidaten? Ein Mann mit Geschichte: 1987 trat Günther Nooke einer kirchlichen Oppositionsgruppe in der DDR bei; 1990 saß er für Bündnis 90 in der Volkskammer, dann im brandenburgischen Landtag als Fraktionsvorsitzender. 1996 wechselte er zur CDU, seit 1998 sitzt er für die Union im Bundestag - als Vize-Fraktionschef. Edmund Stoiber hat ihn in sein Wahlkampfteam aufgenommen. Die Berliner CDU kürte ihn zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Einer, der sich auf seine stille Art fast überall durchsetzt. Was spricht gegen den Kandidaten? Der breiten politischen Erfahrung und Durchsetzungsfähigkeit, die sich Nooke inzwischen erworben hat, steht sein eigenbrödlerisches, oft querköpfiges Verhalten entgegen. Er ist nicht besonders kommunikativ und schert sich wenig um innerparteiliche Rituale. Manchmal kommt er richtig nörgelig, bräsig daher. Eine Hausmacht hat Nooke in der Berliner CDU nicht, bisher musste er sich auch nie damit beschäftigen, wie man auseinanderstrebende Parteigremien und -flügel zusammenführt. Wie wirkt der Kandidat in der Öffentlichkeit? Für eine gute Schlagzeile, ein kritisches Interview war Nooke schon immer gut. Die Ampelkoalition in Brandenburg endete mit einem spektakulären Knall, denn Nooke mitverursacht hatte. Sein unbekümmertes, eigenwilliges Naturell hat ihn für die Medien frühzeitig interessant gemacht. Verstanden hat ihn die Öffentlichkeit aber nicht immer; jedenfalls nicht auf Anhieb. Dass Nooke im Bundestag eine positive Rolle spielt, kann der Landes-CDU nur helfen. Aber so ein richtig populärer Politiker ist er nicht. Was denkt der politische Gegner Wolfgang Wieland? Günter Nooke stieg vom Alibi-Bürgerrechtler der CDU in den letzten Wochen mehr durch Zufall zum Antipoden von Diepgen auf. Der Ostdeutsche ist zu eigenständig für die Berliner Union, um Parteivorsitzender zu sein. In Brandenburg hat der ehemalige Minister für Bündnis90/Die Grünen schon einmal als private Nooke-Initiative kandidiert. Für die West-geprägte CDU ist der aus Forst stammende Bundestagsabgeordnete jedenfalls wie ein Kandidat vom anderen Stern. Frank Steffel Was spricht für den Kandidaten? Er ist jung, aber in der CDU ein alter Hase. Seit 1982 lernte er im Landesverband der Union, wie man sich durchsetzt und die Fäden spinnt. Steffel kann Mehrheiten organisieren, er ist kommunikativ und ein schlauer Taktiker. Als Chef der Abgeordnetenhausfraktion hat Steffel das derzeit einzige funktionierende Machtzentrum der Union hinter sich. Außerdem ist er Chef des CDU-Kreisverbandes Reinickendorf, eine ordentliche Hausmacht. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler ist ein fundierter Fachpolitiker. Was spricht gegen den Kandidaten? Er ist ein Poltergeist. So manchen Parteifreund hat er verprellt, weil er in Krisensituationen oft den falschen Ton anschlägt oder sich in der Wortwahl vergreift. Eigene Personal- und Sachkonzepte setzt der 35-jährige CDU-Mann ohne große Rücksicht auf Minderheiten durch. Er sei nicht wirklich integrationsfähig, werfen ihm innerparteiliche Gegner vor. Seit dem letzten Wochenende wird ihm nachgesagt, den "Königsmord" am langjährigen CDU-Landesvorsitzenden Eberhard Diepgen mit vorbereitet zu haben. Wie wirkt der Kandidat in der Öffentlichkeit? Steffels größte Manko ist sein Auftritt als Spitzenkandidat der Berliner CDU bei der Abgeordnetenhauswahl 2001. Er stapfte von einem Fettnäpfchen ins nächste. Ihm wurde so ziemlich alles angekreidet: Eierwürfe gegen den CSU-Chef Edmund Stoiber, zweifelhafte Schülergeschichten, desaströse Fernsehauftritte. Im Ostteil der Stadt wurde Steffel nicht als Erneuerer des CDU-Landesverbandes, sondern als Gewächs der alten West-Berliner Union wahrgenommen. Ein begnadeter Rhetoriker ist er auch nicht. Was denkt der politische Gegner Wolfgang Wieland? Frank Steffel: Sein Hauptmanko ist, dass ihn der gestürzte Klaus Landowsky einst zu seinem Kronprinzen kürte und förderte. Dem Fraktionsvorsitzenden hängt immer noch der Spruch nach, "der ist ein Guter". Das gilt allerdings nicht, was den Wahlkampf der Christdemokraten und die Wählergunst anging. Der starke Mann der CDU-Fraktion hat sich im vergangenen Jahr durch grobschlächtige Rüpeleien zu viele Gegner innerhalb und außerhalb der eigenen Partei gemacht. Christoph Stölzl Was spricht für den Kandidaten? Nur den Fröhlichen gehört die Zukunft, hat Christoph Stölzl einmal gesagt. Da war er noch fern der Berliner Politik. Inzwischen ist er eher nachdenklich-fröhlich, aber weiterhin der Zukunft zugewandt. Die Krise der Union in Berlin sieht er als Chance. Stölzl: ein brillianter Rhethoriker und querdenkender Intellektueller, unabhängig, hoch kommunikativ, humorvoll und von ausgeglichenem, gleichwohl bayerisch eingefärbten Temperament. In der CDU wird ihm großer Respekt entgegengebracht. Was spricht gegen den Kandidaten? Er ist kein Politiker. Erst Recht kein Parteimensch. Erst im März 2001 trat der bis dahin parteilose Konservative in die Berliner CDU ein. Der Parteiapparat ist ihm fremd, nie hat Stölzl Zugang zu den diversen Kungelrunden der Union gefunden. Erfahrungen in Führungsgremien konnte er bislang auch nicht sammeln und das neue Amt des Parlaments-Vizepräsidenten, das er gern wahrnimmt, ist für den Sprung an die Parteispitze eher hinderlich, weil es parteipolitische Zurückhaltung einfordert. Wie wirkt der Kandidat in der Öffentlichkeit? Als Gastdozent und Festredner, am Klavier oder an der Bassgitarre ist Stölzl jederzeit und überall wohlgelitten. Der promovierte Historiker hat schon als Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums viele öffentliche Diskussionen angestoßen. Als Senator für Kultur und Wissenschaft wurde er in Berlin parteiübergreifend akzeptiert und war, trotz mancher Kritik an seinen Entscheidungen, ein geschätzter Gesprächspartner. Für die Berliner CDU ist Stölzl ein Aushängeschild; er schmückt. Was denkt der politische Gegner Wolfgang Wieland? Christoph Stölzl brachte laut Klaus-Rüdiger Landowsky "Geist und Kultur" in den damaligen Senat. Er wäre eine Lösung für die Berliner Union, ähnlich wie seinerzeit Richard von Weizsäcker. Der frühere Kultursenator ist allerdings noch weniger bereit, sich in die Niederungen der Parteipolitik zu begeben. Richtig ist, dass der liberal-konservative Schöngeist just vor dem Niedergang der CDU dieser beitrat. In der CDU integriert ist der ehemalige Museumsdirektor allerdings noch lange nicht. Joachim Zeller Was spricht für den Kandidaten? Für die Berliner CDU ist Joachim Zeller ein Glücksfall. Er kommt aus dem Osten der Stadt und hat sich in der Partei trotzdem durchsetzen können. Er ist ein bodenständiger Kommunalpolitiker, der in vielen Amtsjahren als Bezirksbü rgermeister in Mitte sein Handwerk gelernt und bewiesen hat, dass er auch in schwierigen Situationen umsichtig reagieren und politisch integrieren kann. Zeller: der geborene Moderator. Das Innenleben der CDU kennt der Vize-Landesvorsitzende inzwischen bestens. Was spricht gegen den Kandidaten? Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Vor allem in der Politik. Manchmal ist Zeller zu bescheiden, zu unauffällig, zu verständnisvoll. Böse Spötter sagen: so ein typischer Bartträger aus dem Osten. Eine richtige Hausmacht in der Berliner CDU hat der kommissarische Parteichef nicht, auch wenn sein Kreisverband Mitte nach der Bezirksreform deutlich größer geworden ist. Ein großer Taktiker oder Strippenzieher ist Zeller auch nicht; er muss durch Leistung überzeugen. Wie wirkt der Kandidat in der Öffentlichkeit? Auch wenn Zeller nicht prominent ist - er ist in seinem Heimatbezirk Mitte populär. Als Bürgermeister, der gemeinsam mit PDS und Grünen die Berliner City gut verwaltet. Als Parteimann trat er bisher kaum öffentlich in Erscheinung; vor 1989/90 war Zeller ein politischer Nobody. Sein angenehmes Auftreten weckt Sympathien, glanzvolle Auftritte sind aber nicht sein Ding. Auch als Redner kann Zeller keine Goldmedaillen gewinnen, von ihm erwartet niemand Visionen. Was denkt der politische Gegner Wolfgang Wieland? Joachim Zeller ist seit Jahren ein erfolgreicher Bürgermeister im Bezirk Mitte, der dabei sehr viele Erfahrungen mit einer schwarz-grünen Zusammenarbeit machen konnte. Er könnte das Amt des Bürgermeisters als Parteivorsitzender der Berliner CDU allerdings nicht behalten, weil dies so mit den Grünen im Bezirk vereinbart wurde. Deswegen hat Zeller auch - nach der BVV-Wahl im Oktober 2001 - mit der erneuten Wahl zum Bürgermeister sein Amt als Generalsekretär niedergelegt. 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