Berlin : Werbung durch die Blume für die Obdachlosenhilfe

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„Die Stockbesoffenen auf der Parkbank behindern viel mehr“, sagt Bettina. Sie ist obdachlos und erhält gemeinsam mit anderen Obdachlosen am Bahnhof Zoo gratis etwas zu essen. Wenn es nach der Bahn geht, ist damit bald Schluss. „ Wir sind nun einmal nicht die Wärmestube der Nation. Doch bei der Essensausgabe versammeln sich viele Obdachlose. Sie behindern die Fahrgäste“, sagt Andreas Fuhrmann, stellvertretender Pressesprecher der Deutschen Bahn AG Berlin-Brandenburg.

Seit Monaten gibt es Querelen zwischen der Bahn und den Hilfsorganisationen, die sich zur AG „Leben mit Obdachlosen“ zusammengeschlossen haben und an den Bahnhöfen aktiv sind. Sie gipfelten in einer Anzeige wegen Hausfriedensbruchs gegen den katholischen Ordensbruder Klaus Schneider, weil er regelmäßig Brote an Bedürftige im Bahnhof verteilt hat. Gestern nun trafen sich am Bahnhof Zoo die Ehrenamtlichen und warben mit Blumen und Flugblättern dafür, dass sie auch weiterhin in den Bahnhöfen der Stadt Essen an Obdachlose ausgeben dürfen.

Auch Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner setzte sich für die Essensausgabe ein: „Wir müssen Gesicht zeigen gegen die Vertreibung von Armen und Obdachlosen.“ Schließlich sei es ja auch ein christliches Gebot der Nächstenliebe, auf die Armen zuzugehen. Das aber versuche die Bahn unmöglich machen, kritisiert die Arbeitsgemeinschaft. Die Bahn sei sogar dabei, eine Personengruppe zu kriminalisieren.

Bei der Bahn sieht man das anders. „200 000 Leute gehen am Tag durch den Bahnhof Zoo“, sagt Sprecher Andreas Fuhrmann, „der ist nicht sehr geräumig, und wenn man das nicht regelt, dann kann das sehr schnell drunter und drüber gehen.“ Obdachlosigkeit sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. „ Zuerst ist die Politik gefragt, aber die hält sich hier vornehm zurück“, sagt Fuhrmann. Man wolle nicht die Obdachlosen vertreiben, nur die Verpflegung störe, weil dabei Pappbecher und Essensreste auf dem Boden blieben. „Die Essensausgabe kann auch woanders stattfinden.“ Seinen Angaben zufolge will die Bahn am Bahnhof Tiergarten in einem der S-Bahn-Bögen eine Ausgabestelle einrichten, mit 60 Betreuungsplätzen und Duschen. Aber das Bezirksamt stelle sich quer, weil dort ein Altersheim in der Nähe ist. „Ich finde, dass Obdachlose in die Gesellschaft gehören, also auch in den Bahnhof“, sagt Jutta Koch-Francisco. Die Goldschmiedin aus Niederbayern hat ein paar Tage lang Berlin besucht und steht jetzt mit einer Rose in der Hand im Bahnhof Zoo. Sie fühlt sich nicht durch die Obdachlosen behindert. „Das ist halt so“, sagt sie knapp und zuckt die Schultern. Selbst der Bahnsprecher Fuhrmann hat bisher noch nicht davon gehört, dass sich schon einmal ein Fahrgast beschwert hätte. Ulrike Heitmüller

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