Berlin : Werkstatt der Begabten

Die Metropole eignet sich als Plattform, Arena und Bühne des Geistes/Von Dieter Simon

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Die Behauptung, dass eine Hauptstadt der Wissenschaft bedarf, wird vermutlich allgemein und umstandslos Zustimmung finden. Denn wenn eine gewichtige Stadt die „wirkliche“ HauptStadt des jeweiligen Mutter- und Vaterlandes sein soll, eine Kapitale, nicht im Verständnis von Kapital, sondern im Sinne von caput, dann dürfen in diesem Haupt die Repräsentationen des landeseigenen Wissens nicht fehlen – und seien es auch nur die Bauten von Wissensspeichern und anderen Sammelstätten der Gelehrsamkeit des Landes. Nationalbibliotheken und Nationalakademien finden deshalb, nicht anders als Nationalgalerien, seit jeher ihren bevorzugten Platz in den Hauptstädten ihrer Länder.

Aber bedarf umgekehrt die Wissenschaft auch einer Hauptstadt? Auf den ersten Blick ist das nicht gerade wahrscheinlich. Denn, so dachte man noch bis vor kurzem, wenn wirklich alles Tag und Nacht global erreichbar ist, dann braucht jedenfalls die Wissenschaft die spezifischen Erleichterungen und Vorzüge der Metropolen nicht mehr. Inzwischen aber ist die weltumspannende Vernetzung bis ins Beängstigende gewachsen, ohne dass die Metropolen sichtbare Einbußen erlitten hätten. Sie erfreuen sich in der Regel größter Beliebtheit und auch die Wissenschaft und ihre Jünger gehen ihnen nicht aus dem Weg. Was allerdings nichts für die Frage hergibt, ob Wissenschaften Metropolen brauchen. Kein Zweifel: Wissenschaft ist auch ganz ohne Stadt möglich – völlig zu schweigen vom Bedarf nach einer Haupt-Stadt.

Allerdings: Das Mögliche ist noch nicht das Wünschenswerte und nur selten das Beste. Das Leben kann auch in Hütten gefristet werden, aber jedenfalls angenehmer haust es sich in den Palästen.

Städte, zumal große Städte, sind immer Orte der Freiheit. Soziale Kontrolle artikuliert sich nirgends schärfer als in dörflicher Atmosphäre und kleinen Gemeinschaften. Die Freiheit zur Devianz ist eine Funktion der Größe städtischer Zusammenballung. Kontakte lassen sich nicht mehr nebenbei und ohne Mühe knüpfen. Die Möglichkeiten zur Innovation steigen, da die Legitimität der Abweichung von erstarrter fachlicher Tradition nicht ständig kontrolliert und nur schwer sanktioniert werden kann. Gedanken und Vorsätze entstehen auch auf dem Lande, die Tat, und erst recht die Revolution, beginnt in der Stadt.

Städte, zumal große Städte, sind Räume dichter und leichter Begegnung. Kommunikation über Medien und formelle Kommunikation in organisierten Zusammenhängen nach dem Muster von Kongressen und Tagungen sind wichtig. Aber sie sind nichts gegenüber der Bedeutsamkeit der informellen und planungsfreien Treffen. Der persönliche, spontane oder zufällige Kontakt, die Interaktion mit dem überraschend Aufgetretenen, die Wahrnehmung des Anderen beim Frühstück sind durch keine mediale Anstrengung zu ersetzen.

Städte, zumal große Städte, verfügen über Plätze, auf denen die Wissenschaft geballt auf ihre Adressaten trifft. „Das Geheimnis für das Aufblühen von Städten liegt in ihrer Konzentration von Begabungen“ (György Konrád). Die ersten Adressaten der Wissenschaft sind die Studierenden. Ihnen gilt der Bildungsauftrag und die Aufklärungsfunktion des systematisch verarbeiteten Wissens. Sie sind der Stoff, die Herausforderung und das Leben, an deren Widerständigkeit sich Wissenschaft bewähren muss und ohne die sie sich nicht erneuern kann. Trotz der bedeutenden wissenschaftlichen Erfolge spezialisierter klösterlicher Konstellationen sind die routinierte Abarbeitung formulierter Programme, die Verdickung und Vereisung von Forschungsstrategien in studentenlosen Laboren und wissenschaftlichen Instituten vorprogrammiert und unausweichlich.

Worin besteht nun aber der reale Mehrwert der Hauptstadt gegenüber der Großstadt?

Die Hauptstadt als Metropolis, als Mutter-Stadt aller Städte eines gegebenen Landes, ist die Stadt, die von den Bürgern des Landes als die wichtigste wahrgenommen wird. Sie ist die Bühne, auf der sich das Schauspiel der Regentschaft ereignet, auf der die Freunde, Verbündeten und die vergangenen und künftigen Gegner sich ihre Visitenkarten zuwerfen. Sie ist die Plattform, auf der die internationalen Erfahrungen zusammenströmen, die politischen Knoten geschürzt werden und die Gesamtheit aller Teile des Landes (auch eines föderalen Staates) sich der Welt präsentiert. Sie ist die Arena, in der die „Provinz“ auftritt, um ihre Gleichwertigkeit zu beweisen und die Manege, in der Kunst und Kultur erscheinen und sich bewähren müssen, damit sie als hauptstädtisch Bekränzte zufrieden auf dem Land und in den übrigen Städten agieren können. Das hat notwendig zur Folge, dass die wissenschaftsfördernden Eigenschaften der normalen Großstadt durch den Wert und die Würde der Hauptstadt gesteigert und gefestigt werden. Woraus folgt, dass Wissenschaft, soll sie ihre Fähigkeiten rückstandslos entfalten und ihre Kräfte ausschöpfen können, sehr wohl einer Hauptstadt bedarf.

Auf die aktuelle Lage in Deutschland bezogen heißt das: Es bleibt nur noch die winzige Aufgabe, Berlin, diese einzigartige Agglomeration sinnspendender Metaphern, zur Haupt-Stadt zu entwickeln.

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