Berlin : Werkstattburgen, Wälder von Schornsteinen

Es ist mehr als 100 Jahre her, da nannte man Berlin Elektropolis. Fast mythisch sollte es klingen. So wie Atlantis. Damals stieg Berlin auf – von der provinziellen Königsresidenz zum Industriestandort. Eine Geschichte von Borsig und Behrens. Und wie sie berühmt wurden

Kirsten Wenzel

STADTTOUR 3: VON BOLLE, BORSIG UND EINER WEIBERWIRTSCHAFT

Das industrielle Berlin? Schon der Ausdruck kann nostalgisch stimmen. Industrie gibt es in Berlin heute kaum noch. Die großen Firmen sind nach dem Zweiten Weltkrieg nach Westdeutschland gezogen. Und seit dem Untergang der DDR gibt es auch im Ostteil der Stadt keine großen Betriebe mehr. Man muss schon ein ganzes Stück durch die Zeit reisen, um das stampfende, ratternde Berlin wieder zu entdecken, diese „Labyrinthe von imposanten Fabrikanlagen und Werkstattburgen, Wälder von Schornsteinen“ so wie die Stadt einmal einem euphorisierten Schreiber in der Zeitschrift „Gartenlaube“ erschien. Und dazu „ein Heer von Arbeitern: markige Zyklopengestalten, Schmiede, Schlosser, Bohrer, Dreher, Fräser, Gießer“.

Es ist mehr als 100 Jahre her, da nannte man Berlin Elektropolis. Fast mythisch sollte es klingen. So wie Atlantis. Man suchte ein Wort für das große Staunen über das explosionsartige Wachstum einer Stadt, die innerhalb weniger Jahrzehnte von der provinziellen königlichen Residenz zum Weltzentrum von Wirtschaft, Wissenschaft und Technik aufgestiegen war. Ein Wunder, das man gehörig glorifizierte, so zum Beispiel wie in der üppigen Darstellung des elektrischen Stroms im alten AEG-Firmensignet am Beamtentor, Brunnenstraße. Das Wunder einer Stadt, durch deren Adern plötzlich Elektrizität zu fließen schien – die heißen Dampf atmete, rastlos und schnell wie die eisernen Maschinen des Lokomotivenkönigs August Borsig.

Noch um 1860 war in Berlin das Abwasser offen über den Gendarmenmarkt gelaufen, und in Paris und London rümpfte man die Nase über den stinkenden Emporkömmling aus Brandenburg. Doch schon in den 90er Jahren hatte Berlin die modernste elektrische Straßenbeleuchtung und ein Kanalisationssystem, das sogar der weit gereiste Mark Twain bewunderte. Im Jahr der Reichsgründung 1871 lebten in Berlin noch 865 000 Menschen. Zu Anfang des neuen Jahrhunderts waren es bereits zwei Millionen. Viele, viele Tausende von den Menschen, die aus Brandenburg, Ostpreußen und Schlesien kamen, um hier ihr Glück zu suchen, fanden Arbeit in den Fabriken in Moabit und im neu entstandenen Arbeiterbezirk Wedding. Hier war das Herz des industriellen Berlins, bevor die Produktionsstätten von Siemens, Borsig oder AEG weiter an den Stadtrand verlegt wurden, nach Borsigwalde oder nach Schöneweide.

Man kann sich die Menschenmassen noch vorstellen, die täglich dem Ruf der Schichtsirene folgten, wenn man auf die Fußwege hinunterschaut. Die berühmten Berliner „Schweinebäuche“, diese massiven Steinplatten, die sich nach unten in den Boden wölben, sind rund um die AEG-Turbinenfabrik in der Hussitenstraße zweibahnig verlegt, so wie in Wedding am Humboldthain. Heute würde an den meisten Stellen ein schmaler Pfad aus kleinem Pflaster reichen, für die wenigen Passanten, deren Weg noch zufällig an den Fabriken von damals entlangführt.

Wer von Moabit nach Wedding spaziert, auf leicht verschlungenen Wegen jenseits der Müller- und der Brunnenstraße, die heute vor allem als Transitstrecken zwischen Zentrum und Umland dienen, wer auf kleinen Wegen vom Spreebogen zum Humboldthain wandert, der begegnet den Heroen des Industriezeitalters auf Schritt und Tritt. Dem Lokomotivenbauer August Borsig zum Beispiel, dem Emporkömmling, so reich, dass ihn sogar der König beneidete – vor allem um seinen schönen Garten. Oder dem Waffenfabrikanten Ludwig Loewe, der in Kreuzberg mit der Produktion von Nähmaschinen begonnen hatte und später die Ideen der genormten Massenproduktion importierte – und der schon damals von einer Fabrik ganz ohne Arbeiter träumte, so wie sie heute im Produktionstechnischen Zentrum des Fraunhofer-Instituts erdacht wird, das nicht weit entfernt an der Spree liegt. Und er begegnet schließlich dem Chefdesigner der AEG: Peter Behrens. Dem Mann, der das Erscheinungsbild von Industrie von Grund auf verändert hat – von der Visitenkarte bis zu hin zu ganzen Fabrikanlagen.

Vielleicht ist dieser Mann die bedeutendste Figur des industriellen Berlins. Weil in ihm die kulturelle und die technische Moderne zusammentrafen. Weil er dem neuen Zeitalter ein adäquates ästhetisches Äußeres gegeben hat. An der mit Statuen verzierten Fassade der Loewefabrik in Moabit können Spaziergänger noch heute sehen, wie Industriearchitektur vor Behrens aussah: Jene in Stein gehauenen „markigen Zyklopengestalten“ arbeiten da, von denen schon die Rede war, Renaissancejünglinge mit prächtigen Körpern, die sich an Eisengewinden zu schaffen machen. Diese recht simple Glorifizierung der Moderne amüsiert heute – ganz anders als die Arbeiten von Peter Behrens, dem Erbauer der berühmt gewordenen Turbinen-Halle in Moabit, dem Lehrer von Mies van der Rohe und Le Corbusier. Behrens brauchte den Rückgriff auf antike oder christliche Symbolik nicht. Nüchtern, klar, funktional und doch schön – hier war sie, die Geburtsstunde des modernen Designs.

Behrens dunkelrote Fabrikhallen am Humboldthain liegen heute verlassen da, in den 80er Jahren wurde das Gelände von der AEG endgültig aufgegeben. Die Riesen des klassischen Industriezeitalters aus Backstein, Glas und Stahl wirken im Jahr 2003 wie Dinosaurier, die Firmen der Mikroindustrie brauchen so große Hallen nicht mehr oft; der Senat bemüht sich seit Jahren vergeblich um neue Mieter. Wer am Humboldthain spazieren geht, findet die Überreste einer untergegangenen Kultur; einer Kultur, der wir uns bis heute verbunden fühlen, vielleicht, weil sie keine Angst vor der Zukunft hatte. Viele fordern, diese Bauten mögen als Weltkulturerbe anerkannt werden. Denn dieser untergegangene Traum aus Dampf, Strom und Stahl, das, sagen sie, ist Berlin.

Unsere Touren finden Sie übrigens jedes Mal auch im Internet – samt Karten, Reportagen und Tipps. Schauen Sie rein unter www.tagesspiegel.de/stadtspaziergang .

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