Berlin : Werner Butschkau Geb. 1907

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Morgens setzte sich "Hausvater" an seinen Schreibtisch, genau gegenüber der indonesischen Holzbüste mit dem verschämt gesenkten Blick. Dann drehte er an den Rädchen eines alten Datumanzeigers, klopfte beim Barometer an, faltete den Tagesspiegel auf und begann, mit der Lupe nach interessanten Artikeln zu suchen, um sie für seine Frau mit dem Rotstift zu markieren und zeitgeistige Wortschöpfungen zu klären: "Weißt Du, was das heißt - Internet?" Nach der Lektüre räumte er alles wieder an seinen Platz.

Akkuratesse, Gründlichkeit, Ordnung und Beständigkeit waren die Eckpfeiler, auf denen sein Leben ruhte. "Hausvater ist als Beamter auf die Welt gekommen", sagt seine Frau Jutta mit liebevollem Spott. Dass Werner Butschkau "Hausvater" genannt wurde, war auch ironisch gemeint. Er war eher zurückhaltend und schweigsam.

Weil er Geld verdienen musste, verließ Werner Butschkau mit 16 das Gymnasium und begann eine Lehre in einem Konfektionshaus. Mit 17 erwischte ihn die erste große Liebe - sie endete fast tödlich. Die Angebetete hatte ihm einen Korb gegeben, und er sah keinen anderen Ausweg, als den Gashahn aufzudrehen. Drei Tage lang lag er bewusstlos im Virchow-Krankenhaus.

Viele Jahre später hatte er Erfolg: In der Magistrats-Abteilung "Verkehr und Versorgungsbetriebe" lernte Werner Butschkau 1946 Jutta Sachße kennen - quasi auf dem einfachen Dienstweg. Er besorgte Theaterkarten und dann noch einen Interzonenpass für einen Urlaub in Bayern. Den fortlaufenden Bestechungen konnte sie nicht lange widerstehen. Die Hochzeitsfeier im Juli 1948 - Werner war 41, Jutta erst 23 - fiel wegen der Blockade äußerst bescheiden aus. Die Gäste mussten ihr Brot selbst mitbringen.

52 Jahre lang waren die beiden ein Ehepaar, doch zugleich lebte jeder sein eigenes Leben. Werner Butschkau fuhr, so lange er konnte, jedes Jahr für drei Wochen nach Paris - allein. Er mietete sich immer im gleichen Hotel ein. Abends rief er zu Hause an und berichtete von seinen Erkundungen.

Paris hatte er während des Krieges kennen gelernt. 1940 begann er seinen Kriegsdienst in Frankreich. 1943 kam er nach Russland, bis 30 Kilometer vor Stalingrad. Als die Parteiführung auf einen jüdischen Großvater stieß, verlangte sie seine sofortige Entlassung aus der Wehrmacht und die Aberkennung seiner Rangabzeichen. Ab April 1944 sollte er sich nur noch um die Beschaffung von Nachschub kümmern. "Das hat ihn tief getroffen", sagt seine Frau. Wahrscheinlich hat es ihm auch das Leben gerettet.

Nach Kriegsende meldete sich Werner Butschkau zum Polizeidienst, bat aber nach einem halben Jahr um seine Entlassung. So früh die Flinte ins Korn zu werfen, war nicht seine Art - aber Leichen in zerstörten Wohnungen zu inspizieren auch nicht. Er wechselte in die städtische Verwaltung und stieg da bis zum Oberregierungsrat auf. Politische Ämter überließ der SPD-Mann anderen.

Werner Butschkau engagierte sich stattdessen bei den Freimaurern, in der Johannisloge Urania zur Unsterblichkeit. Die Freimaurer-Logen sind Zirkel, in die man erst nach eingehender charakterlicher Prüfung aufgenommen wird. Frauen haben keinen Zutritt. Bei den sogenannten "Arbeiten" im Tempel werden Vorträge gehalten und rituelle Handlungen vorgenommen - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ziel ist, ein besserer Mensch zu werden. Werner Butschklau nahm all das sehr ernst.

Bei Tagungen und Sitzungen überließen seine Logenbrüder ihm gerne das Protokollieren. "Unüberbietbar akkurat" übte er seine Ämter aus, steuerte "mit exakten Planungen und extremer Zuverlässigkeit das Logenleben", erinnert sich sein Logenbruder Nikolaus Schimpf. Die trockene Logenarbeit ließ er gerne mit einer Runde Schnaps auf seine Rechnung ausklingen, immer Malteser, eisgekühlt.

Nachdem er in der Loge einen Schwächeanfall erlitten hatte, blieb er allen Treffen fern; auf fremde Hilfe wollte er auf keinen Fall angewiesen sein. Acht Jahre und vier Monate lang verließ er die Wohnung nicht. Nach einem Sturz musste er im November vergangenen Jahres ins Krankenhaus gebracht werden und starb dort nach einem Schlaganfall. In der Moabiter Heilandskirche, wo Werner Butschkau vor 93 Jahren getauft worden war, wurde auch sein Leichnam aufgebahrt. Die Logenbrüder, in schwarzen Anzügen und mit weißen Handschuhen, bildeten um seinen Sarg die so genannte Kette. Mit der Übergabe von drei symbolischen Rosen - eine weiße, eine rosafarbene und eine rote - entließen sie Werner Butschkau nach freimaurerischer Art aus ihrer Mitte. "Ungemein feierlich war das", sagt seine Frau.

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