Berlin : Werner Glas (Geb. 1936)

Pflichtbewusst für die Reichsbahn der DDR - mitten in West-Berlin

Candida Splett

Seine Ausbildung zum Maschinenbauschlosser absolvierte er im VEB Reichsbahnausbesserungswerk Grunewald. 1972 verlieh der Ministerrat der DDR dem Reichsbahnunterassistenten die Medaille für treue Dienste in Silber. Zehn Jahre später bekam er, inzwischen Reichsbahnsekretär, die Medaille in Gold. Werner Glas war ein West-Berliner, der für die Reichsbahn der DDR arbeitete.

Die West-Alliierten hatten nach Ende des Krieges zugestimmt, dass sowohl Fern- als auch S-Bahn in den Westsektoren Berlins weiter von der Reichsbahn betrieben wurden. Anfangs arbeiteten dort etwa 7000 West-Berliner. Sie waren für die Absicherung des Personen- und Güterverkehrs von und nach West-Berlin zuständig, fuhren aber auch regelmäßig nach Ost-Berlin, wenn dort Züge oder Gleisanlagen repariert werden mussten.

Nach dem Mauerbau riefen der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und der Deutsche Gewerkschaftsbund zum Boykott der S-Bahn auf. Mit Slogans wie „Der S-Bahn-Fahrer zahlt den Stacheldraht“ wurden die West-Berliner aufgefordert, auf U-Bahn, Bus oder Auto umzusteigen. Sehr viele taten das. Die Gewerkschaft beteiligte sich an dem Boykott, weil sie keine Lohnforderungen für die Reichsbahnangestellten erheben konnte, deren Löhne deutlich unter denen der Bundesbahner blieben. Während viele seiner Kollegen deshalb die Reichsbahn verließen, hielt Werner Glas ihr pflichtbewusst die Treue.

Egal ob er am Abend zuvor einen über den Durst getrunken hatte oder kränkelte – jeden Morgen um halb sechs hörten seine Frau und die drei Kinder ihn in die Küche schleichen. Bei der Arbeit befüllte er dann die Apparate an den Gleisen, die die Fahrwerke der Züge schmieren. Der Eimer, den er trug, und die Werkzeugtasche waren schwer. Auch entrostete er Züge mit einem Sandstrahl, reinigte sie, schweißte defekte Metallteile, schippte Schnee und enteiste im Winter die Gleise mit einem Brenner.

Weil er darauf bestand, dass seine Frau nicht arbeiten ging, musste er zum Eisenbahnerlohn noch etwas hinzuverdienen. Am Wochenende half er Autozüge verladen und errichtete Bauzäune und Plakatwände. In der Freizeit kurierte er seine Erschöpfung, vorm Fernseher, auf dem Balkon und im Kleingarten am Priesterweg. Oder an seiner Modelleisenbahn, an die er die Kinder nur manchmal heranließ. Einmal im Jahr leistete sich die Familie einen Sommerurlaub in Italien.

Dass Väter schwer arbeiten und Mütter sich um Haushalt und Kinder kümmern, hatte Werner in seinem Elternhaus gelernt. Den Vater, der Bäcker war, bekam er selten zu Gesicht. Viel Zeit verbrachte Werner mit seinem Bruder Hans, mit dem er die Kriegstrümmer von Schöneberg durchstreifte. Sie suchten Brennholz und kleine Schätze aus dem Inventar der zerstörten Wohnungen. Als er auf dem Hof einer zerbombten Fabrik spielte, fiel ihm ein Trümmerteil auf den Kopf. Eine dreieckige Einbuchtung auf seinem Schädel zeugte später noch davon.

Nachts schliefen die Kinder in Anziehsachen, den gepackten Koffer neben sich, um bei Bombenalarm in den Keller zu laufen und später, als es dort nicht mehr sicher genug war, in den Bunker am U-Bahnhof Nollendorfplatz. Wenn der Alarm vorüber war, halfen sie, das Treppenhaus und die Wohnungen nach Brandherden abzusuchen. Sie wussten, wie man Brandbomben entschärft, und kannten sich mit Handgranaten aus. Die öffneten sie, um die Zünder als Platzpatronen zu verwenden.

Annamaria lernte er 1959 kennen: Sonst eher zurückhaltend, pfiff er ihr wagemutig hinterher. Das liebte sie eigentlich gar nicht, doch als sie ihm ins Gesicht sah, erwärmte sich ihr Herz. Damit sie ihm nicht mehr abhanden kam, lud er sie umgehend ein, bei ihm einzuziehen. Als sie schwanger wurde, heirateten sie. Und blieben zusammen bis zum Schluss.

„Er hatte Glück. Er hat immer bekommen, was er wollte“, erzählt Annamaria. Er bekam die begehrte Kamera, ein Tonband, einen Computer und leistete sich dann und wann einen neuen Gebrauchtwagen. Als seine Frau ihm eines Tages einen nagelneuen Ford Sierra kaufte, den er beim Sonntagsspaziergang bewundert hatte, zweifelte er an ihrem Verstand: „Hat die die Kinder verkooft oder wat?!“ Seit die Kinder aus dem Haus waren, hatte sie selbst etwas Geld hinzuverdient; dass sie davon so viel zurückgelegt hatte, ahnte er nicht.

1994 wurde die Deutsche Reichsbahn Teil der Deutschen Bahn, 1996 sollte Werner an einen entlegenen Ort versetzt werden, um dort das Grün am Rand der Bahngleise zu beschneiden. Er lehnte dankend ab. Wenn der Schlosser schon Grün beschneiden sollte, dann doch lieber in seinem Kleingarten, den er gemeinsam mit seiner Frau nun in ein kleines Laubenparadies verwandelte. In den Sommern lebten sie im Garten, in den Ferien oft in Gesellschaft des Enkels Erik. Viele Jahre lang ging das so. Bis Werner 2009 an einem Gehirntumor erkrankte. Candida Splett

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

3 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben