Berlin : Werner Greve (Geb. 1952)

"Ich hasse jede Art von Umwegen"

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Kreuz und quer rannten die Schulkinder über die Herforder Straße. Bis die Bielefelder Behörden entschieden, diesem Durcheinander ein Ende zu setzen und eine Ampel zu installieren. Die Schüler überquerten die Straße nun vorschriftsmäßig, ausgenommen Werner, der sich weigerte, 50 Meter weiter zu laufen.

„Ich hasse auch heute noch jede Art von Umwegen“, sagte er viele Jahre später. Für Fahr- und Fußwege mag das einleuchten. Erstaunlich scheint der Satz, betrachtet man all die Richtungswechsel seines Lebens. Zunächst noch halbwegs folgsam, schaffte er es aufs Gymnasium, stellte mit 15 aber jegliche Arbeit für die Schule ein. Mit Gitarre, Rotwein, Arminia Bielefeld und Poker konnte er die Zeit erheblich sinnvoller füllen als mit Pauken, fünf blaue Briefe gelangten in die Hände seines Vaters, der ihm daraufhin die Fahrschule strich. Zum Abitur erschien Werner barfuß und im Blumenhemd, erreichte den Abschluss dennoch, wenn auch mit dem schlechtesten Zensurenschnitt des Jahrgangs.

Drei Tage nach dem Abitur half alles Weigern nichts, er wurde zum Wehrdienst eingezogen. „Eine verlorene Zeit, gelebter Irrsinn“, fluchte er und fügte sich. Aber auch anschließend, nach den Jahren in der Kaserne, hielt ihn etwas davon ab, seinen tatsächlichen Wünschen zu folgen. Vielleicht war es der Wille des Vaters, der Sohn solle wie er selbst Ingenieur werden. Jedenfalls begann er ein Studium der Landespflege und hielt schließlich sein Ingenieurdiplom in Händen. Sein Vater war zufrieden.

Aber Werner nicht. Er studierte von Neuem, Musik jetzt, hatte die Neigung zu ihr schon als Kind verspürt, als er mit seinem Großvater über die Kirmes lief und zum ersten Mal diese ekstatischen Klänge hörte, Rock ’n’ Roll. So etwas wollte auch er spielen. Werner nahm Klavier- und Gitarrenstunden, sang im Chor und wurde Mitglied in einer Band.

Beruflich näherte er sich seinem Ziel, auch wenn er es weiterhin nicht genau benennen konnte, die Umrisse sich nur vage abzeichneten. Privat verlor er jede Richtung. Zwar legte er die Staatsexamen nach nur sechs Semestern ab, seine Ehe aber zerbrach. Also ein Neubeginn. Er zog nach Berlin. Am Tage stand er in einer Neuköllner Schule vor Fünft- und Sechstklässlern, die einfach nicht zum Singen zu bewegen waren, am Abend schrieb er an seiner Dissertation, „Braunschweiger Stadtmusikanten. Geschichte eines Berufsstandes 1227 – 1828“. Ein Thema, das Jahrhunderte vom Rock ’n’ Roll entfernt sein mag.

Inhaltlich aber bewegte er sich voran, umriss immer schärfer die Konturen seines zukünftigen Lebens. Noch aber verbarg sich die Zukunft, noch stand er als Lehrer vor Schülern, bis der Rhythmus seines Herzens zum ersten Mal aus dem Takt geriet, möglicherweise ein Wink, die Wegrichtung doch noch einmal zu ändern. An einem Tag nach Fasching erschien Werner nicht mehr in der Schule und legte sich für zwei Wochen ins Bett. Dann lief er los. Zunächst schlendernden Schrittes über die Flohmärkte, wo er einen Herrn kennenlernte, einen Kosmopoliten, der ihn zu einer Schottlandreise einlud. In einem Antiquariat in Edinburgh entdeckten sie die seltene Ausgabe eines Homer-Textes, den sie erfolgreich versteigern ließen. Die Richtung zeigte sich plötzlich in aller Deutlichkeit. Das Herz schlug wieder regelmäßiger, er hatte die richtige Frau an seiner Seite, sie gebar ein Kind, sein drittes.

Zurück aus Schottland, ging Werner durch die Stadt und fragte in Antiquariaten, ob sie ihn einstellen würden. Hans-Joachim Jeschke gab ihm augenblicklich den Ladenschlüssel: „Sie können morgen anfangen.“ In den ersten Monaten kaufte er die Stücke noch nicht selbstständig, aber seine Erfahrung wuchs, das Gespür für außergewöhnliche Gegenstände, die man nicht auf Flohmärkten findet, sondern für die man Kontakte braucht, eine hervorragende Allgemeinbildung und kaufmännisches Geschick.

Seine Schritte wurden schneller. 1999 ergab sich die Gelegenheit, in ein ebenfalls von Hans-Joachim Jeschke gegründetes Buch- und Kunstauktionshaus einzusteigen. Mit Spitzenobjekten von hohem Wert konnte er sich jetzt beschäftigen, reiste durch ganz Europa und die halbe Welt, um neue Stücke zu beschaffen. Das Auktionshaus wurde zu einem der renommiertesten in Deutschland.

Parallel dazu baute er ein Musikantiquariat auf, das er von zu Hause aus betrieb, handelte mit alten, seltenen Notendrucken und Autographen und stellte erstklassige Verkaufskataloge zusammen. 2006 rief das auswärtige Amt bei ihm an, Angela Merkel reise zu Benedikt XVI., sie benötige ein Gastgeschenk. Er wählte eine alte Mozartpartitur aus, die noch restauriert werden musste. Ein Wasserfleck jedoch, ein Zeichen von Authentizität, blieb, und als die Kanzlerin dem Papst das Notenbuch überreichte, schlug er es genau an der beschädigten Stelle auf.

Die Geschwindigkeit nahm zu, ununterbrochen war Werner unterwegs, sein Herz jedoch kam nicht mehr mit. Er lief von Arzt zu Arzt. Fünf weitere Jahre vergingen, bis diese seltene Erkrankung entdeckt wurde, Amyloidose. Werner Greve starb am 9. Dezember 2011. Tatjana Wulfert

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