Berlin : Werner Martin will zum ehrenamtlichen Einsatz anstiften

Elisabeth Binder

Ein Ehrenamt übernehmen? Einige Stunden in der Woche dafür einsetzen, sich um kranke oder alte Menschen zu kümmern? Oder darum, dass die Musik auch weit draußen auf dem Land spielt? Solchen Ansinnen kann sich hierzulande jedermann besten Gewissens entziehen mit dem Hinweis auf die viele Arbeit, die er machen muss. Fortgeschrittene Workaholics werden hoch geachtet. Ob sich jemand nebenbei noch für gesellschaftliche Aufgaben interessiert, wird kaum wahrgenommen. Zu tief verwurzelt ist das Gefühl: Dafür haben wir ja den Staat. Ganz anders in den USA: Da gehört volunteer work zum guten Ton, wer gesellschaftlich zählen will, muss für die Gesellschaft auch etwas tun. Arbeitseifer allein reicht für die Karriere nicht aus. Man muss sich auch für das Gemeinwohl engagieren.

Langsam, langsam zeichnet sich auch hier ein Wertewandel ab. Sowieso ist klar, dass der Staat auf Dauer soziale und kulturelle Aufgaben nicht in gewohntem Umfang finanzieren kann. Menschen wie Werner Martin versuchen, Beispiele zu setzen.

Der Sinn fürs Soziale ist dem Rechtsanwalt gewissermaßen in die Wiege gelegt worden; die stand nämlich in einem brandenburgischen Pfarrhaus. Wenn er heute jemanden einstellt, dann zählt ehrenamtliches Engagement zu den Voraussetzungen. Nur so kann man auch hier langsam amerikanische Tugenden durchsetzen. Nur so lassen sich nach der festen Überzeugung des Initiators eines der größten privat finanzierten Musikfestivals künftig soziale und kulturelle Aufgaben bewältigen.

Hat der Stellenbewerber bislang noch kein aktives Engagement gezeigt, bekundet aber Interesse daran, steht der Einstellung ebenfalls nichts im Wege. Werner Martin hat ein berühmtes Talent dafür, Freunde, Mitarbeiter und Kollegen zu freiwilligen Einsätzen für eine gute Sache anzustiften. Um die drei Millionen Deutsche engagieren sich ehrenamtlich. "Die müssen", ist er überzeugt, "gut organisiert werden. Es reicht nicht, passiv Beiträge zu bezahlen. Man muss schon auch aktiv mitmachen." Für die brandenburgischen Sommerkonzerte, die nun in die zehnte Saison gehen, hat er dafür das Prinzip der Freundeskreise erfunden. Wenn im Sommer die Berliner auf Landpartie gehen, dann gibt es in den kleinen Städten im Umland viele Freiwillige, die die Konzerterlebnisse und das stimmungsvolle Drumherum vorbereiten und auch Kontakte stiften zwischen Stadt und Land. Umgekehrt gibt es in Berlin einen Kreis, der die Ausflüge von hier aus vorbereitet - ehrenamtlich, versteht sich.

Guter Wille und einsatzfreudige Helfer reichen allerdings aus der Sicht des an Freunden so reichen Anwalts und Kultur-Managers längst nicht aus, um all die Aufgaben zu bewältigen, die nicht nur an brandenburgischen Wegesrändern warten. Dringend muss aus seiner Sicht auch eine andere Steuergesetzgebung her, die sich an amerikanischen Vorbildern orientieren sollte. So gibt es Untersuchungen, wonach Kultur kostendeckend arbeiten könne, wenn alle Steuereinnahmen zur Verfügung gestellt würden, die in diesem Zusammenhang erzielt werden. Bei einem Konzertbesuch wären das also alle Kosten, die sich aus Anfahrt, Hotelübernachtung und Restaurantbesuchen ergeben. Auch eine Änderung des Stiftungsrechts wäre aus seiner Sicht nicht nur wünschenswert, sondern "überfällig, damit private Financiers dem Staat Aufgaben abnehmen können."

Mindestens ebenso wichtig ist der Bewusstseinswandel. Gerade in Berlin war Geld lange kein Problem. Bis zum Fall der Mauer behandelten beide Teile der Stadt ihre Kulturinstitutionen als Prestigeobjekte, mit denen das jeweils andere System ausgestochen werden sollte. Geld spielte bei solchen Zielen eher eine untergeordnete Rolle. Längst ist Umdenken angesagt. Wie kann man die Einstellung ändern, dass jeder nur an sich denkt und erwartet, dass der Staat ein breites Angebot bereitstellt, sich aber nicht engagiert, weil schlicht kein öffentlicher Druck besteht? Solchen sanften Druck zu fördern, hat sich Martin zum Ziel gesetzt. "Es muss einfach zum Lebensstil gehören, dass ich etwas für die Gemeinschaft tue." Dieser Einsatz für den gemeinsamen Nutzen sollte schon Bestandteil der Ausbildung sein. Zu sozialen Sanktionen für diejenigen, die sich allem entziehen, bräuchte es dann gar nicht zu kommen.

Durch seine Gespräche mit Bewerbern und durch die Gründung seiner Freundeskreise ist Werner Martin überzeugt: "In jedem Menschen schlummert da etwas. Es gibt Zusammenhänge zwischen Egoismus und common sense."

Dass man beim gemeinsamen Engagement auch Leute trifft, mit denen man später geschäftlich zu tun hat, dass sind, so Martin "gute und durchaus gewollte Nebeneffekte". Tue Gutes und bau dir ein Netzwerk auf. Warum soll man nicht das Nützliche mit dem Nützlichen verbinden?

"Es ist ja Hilfsbereitschaft da und in großen Maßen", sagt Martin, "wenn man nur den Leuten das Gefühl vermitteln kann, dass sie ihre Mitarbeit als Sinn stiftend erfahren." Seine Frau Karin arbeitet für die Brandenburgischen Sommerkonzerte ganz ehrenamtlich, er selbst steckt, besonders in den Sommermonaten, viele Stunden in der Woche hinein. "Ich mache das, weil es mir Spaß macht", bekennt er. "Der Genuss einer guten Unterhaltung wird nicht geschmälert dadurch, dass man sich dabei mit etwas Sinnvollem beschäftigt." Gemeinsames Nachdenken ist ihm jedenfalls lieber als Smalltalk. Sein Ziel ist es, Identität zu stiften, die Heimat seiner Kindheit und die des Erwachsenenlebens zusammenzubringen. Das treibt sein Sendungsbewusstsein an. Der Einsatz für die Denkmalpflege gehört auch dazu, ein ebenfalls zeitaufwendiges Hobby, aber mit weitreichenderen Folgen, als sie beispielsweise das Golfspiel nach sich zieht. Darüber hat er noch mehr Freunde gefunden. Und wenn jemand keine Zeit hat für eine Aufgabe, die ihm angetragen wird, ist das auch in Ordnung. "Das Schlimmste was passieren kann ist, dass wir ein gutes Glas Wein zusammen getrunken haben", lautet einer von Werner Martins Wahlsprüchen. Den wiederholt er gern mit der Zuversicht eines Mannes, der oft erfahren hat: Es kommt meist doch noch etwas mehr dabei daraus.

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