Berlin : Werner Minetzke (Geb. 1927)

Er sagt: "Es gibt nur eine Wahrheit." Seine Wahrheit

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Das ist doch kein Foto“, sagt Werner Minetzke, als seine Frau einen Schnappschuss machen möchte. Wegen einer malerischen Aussicht auf mallorquinische Olivenhaine hält er nicht den Wagen an. Ohnehin ist er gegen jede Art von Verschwendung. Und er weiß Bescheid. „Hochkant!“, ruft er, wenn die Frau die Kamera auf ihn richtet.

Kollegen nennen das „charmante Allwissenheit“, er sagt: „Es gibt nur eine Wahrheit.“ Seine Wahrheit. Ihn von einer anderen zu überzeugen, kann Jahre dauern.

Geboren im pommerschen Karschin, kommt er dreijährig als Rucksackberliner in die Stadt, in der er sein Leben verbringen wird, ausgenommen die verlorenen Jahre in Gefangenschaft. Noch nicht volljährig, gehört er zu Hitlers letztem Aufgebot und hat, wie er später meint, „das Glück, bei der ersten Gelegenheit weggekascht“ zu werden. Sein Gebetbuch hilft ihm durch die schwere Zeit im Lager. Er lernt dort zu schustern und hält sich so über Wasser. Immer müssen irgendwelche Stiefelnähte erneuert und Sohlen geflickt werden.

1949 darf er nach Hause, zurück zur Familie nach Prenzlauer Berg. Zunächst lernt er Maurer, auf der Fachschule folgt die Ausbildung zum Bauingenieur und Architekten. In der Jugendbrigade begegnet er Christel, die er ein Jahr später heiratet. Als sich kurz hintereinander zwei ihrer Kollegen in den Westen absetzen, wird Werner von zwei Herren in einen Raum gebeten. Sie nennen nur ihre Vornamen und machen auf ganz vertraulich: „Falls du was weißt …“ Die Stasi will ihn anwerben, und er zieht die Konsequenz: Am Pfingstmontag 1959 fahren er und Christel mit der S-Bahn nach West-Berlin.

Dort nimmt das Leben seinen Lauf, es kommen drei Kinder zur Welt, Werner arbeitet. Für die Bauträgergesellschaft der stadtbekannten Architektin Sigrid Kressmann-Zschach, Erbauerin des Steglitzer Kreisels, entwirft er soziale Wohnungsbauten. Seine lebenslange Großbaustelle wird das Ku’damm-Karree. Dort gehört er zur Planungsgruppe. Schon vor Fertigstellung meldet die Baugesellschaft Insolvenz an, die Westdeutsche Landesbank übernimmt. 1975 wird eröffnet. Hier gibt es alles: Läden, Kneipen, Parkhaus, Büroturm, sowie zwei Theater und einen Atomschutzbunker. Wenn Theatergäste in den Pausen die Schaufensterauslagen betrachten, sind die Läden längst geschlossen. Da muss optimiert werden, und Werner Minetzke optimiert. Er sieht sich Ladenpassagen an, wo sie Tradition haben, in Paris etwa.

In den nächsten Jahrzehnten überwacht er diverse Umbaumaßnahmen am Karree, im Großen wie im Kleinen. Vor allem ist er für die technische Verwaltung zuständig. Zur Betriebskostenabrechnung entwickelt er eigene Computerprogramme. So konservativ er sich auch gibt, technischen Neuerungen gegenüber ist er aufgeschlossen.

Das Karree ist sein Baby. Hier kennt er jeden Winkel und alle Steckdosen. Nach Hause kommt er spät und nur zum Schlafen, zumal er noch andere Verpflichtungen hat. Er ist Mitglied in einem Schachclub und fährt sonntags zu Turnieren – nachdem er in der Kirche war. Er gehört zum Kirchenvorstand der katholischen Gemeinde in Zehlendorf.

Gründlichkeit kommt vor Geschwindigkeit, und Zeit für einen Plausch dazwischen muss auch sein. Beim Rundgang durchs Karree macht Werner Notizen auf Einlegepapier und Schachtel seiner Overstolz-Zigaretten. Was er angeht, geht er exakt an. Als er anfängt, Preisskat zu spielen, schreibt er erst mal ein Computerprogramm zur Punktewertung.

Im Karree ist er unentbehrlich. Da muss ein Urlaub schon mal verschoben oder auch unterbrochen werden. Erst mit 65 tritt er kürzer – was nicht heißt, dass das Einkaufszentrum auf ihn verzichten müsste. Fortan ist er als freier Mitarbeiter beschäftigt. Die letzte Betriebskostenabrechnung verantwortet er als 80-Jähriger. Und steht jederzeit für alle Fragen zur Verfügung. Sein Gedächtnis bleibt phänomenal. So weiß er nicht bloß die Uhrzeit der Grundsteinlegung, er kennt auch noch die Rednerliste in der richtigen Reihenfolge.

Krank ist er selten, aber wenn, dann richtig. Er wird am Magen operiert und später am offenen Herzen. Am Tag vor einer Darm-OP stirbt er, als wäre kein präziseres Ende für Werner Minetzkes Leben möglich. Es ist sein 84. Geburtstag. Noch auf dem Sterbebett hat er seine Steuererklärung gemacht. Beerdigt werden möchte er zusammen mit seinem alten Gebetbuch.

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