Berlin : Werner Seitz (Geb. 1946)

Es ist kein Leichtes, die Stimme gegen eine Orgel zu erheben.

Gregor Eisenhauer

Als er vierzehn war, starb sein Vater auf einer Urlaubsfahrt. Ein entgegenkommender Wagen kam auf der nassen Straße vom Weg ab. Werner, sein Bruder und die Mutter überlebten.

Im gleichen Jahr begann er das Orgelspiel. Ein Instrument konnte noch so kläglich von der Bauart und dem Volumen sein, unter seinen Händen gewann es einen unverwechselbar kraftvollen Ton – zum Lobpreis Gottes und seiner Schöpfung, denn zu nichts anderem schien Werner Seitz die Musik geschaffen, da war er sich mit Johann Sebastian Bach einig: „Und soll aller Musik Finis und Endursache anders nicht als nur zu Gottes Ehre und Rekreation des Gemüts sein. Wo dieses nicht in Acht genommen wird, da ist’s keine eigentliche Musik sondern ein teuflisches Geplärr und Geleier.“

Werner Seitz wurde an einem Karfreitag geboren, ein Tag des Kummers und der Trauer an sich, und das Dunkle drängte auch an ihn immer wieder heran.

Er war Sohn eines Pfarrers, aufgewachsen in der Pfalz, und eben dieses Naturell der selig, weinseligen Lebensfreude strahlte er aus, ein bärtiger, lautstarker Winzer im Weinberg des Herrn.

Mit siebzehn lernte er seine spätere Frau kennen, über die Musik natürlich, und blieb ihr lebenslang treu. Mit ihr kam das Glück zu ihm, die Liebe, aber auch die Wehmut.

Daniel wurde geboren, der das Talent des Vaters erbte, aber zuweilen auch in der Löwengrube des Selbstzweifels gefangen blieb, die mit einem solchen Talent einhergeht. Iris, die in allen Regenbogenfarben Lächelnde, und Benjamin, dessen Name ebenfalls zum Omen wurde, Sohn des Glücks, Sohn des Trostes – er starb mit einem Jahr an einem Gehirntumor.

Auf Gotland, Schweden, hatte Werner ein kleines Haus gekauft, ein altes Schulhaus, das ihr neues Heim werden sollte, und ebendort wurde Benjamin krank und starb drei Wochen später daheim in Deutschland. Im Jahr darauf kam Raphael auf die Welt und brachte die Freude zurück. Gotland blieb dennoch ein guter Platz für Werner Seitz, hier komponierte er viele seiner Lieder und Orgelstücke, hier skizzierte er an der alten Schultafel ein großes Orgelwerk „Gotlandia“. Schon seine erste große Komposition „Schnattrazon“, benannt nach dem jüdischen Jubeljahr, in dem alle Schulden getilgt werden, „eine Messe für In- und Umwelt“, war lebens- und weltumspannend angelegt. Gewidmet hat er sie dem Reformator Thomas Müntzer, dessen rebellischen Willen er auch in Brecht und Rosa Luxemburg am Werk sah, und die er folglich in Wort und Vers zitierte. Es gab mehrere Aufführungen, aber als er einen Tontechniker zu einer gültigen Aufnahme einbestellte und alle Technik zum Besten gerichtet war, fehlten die Bänder.

Immer war da etwas Widerständiges. Als er in der Daniel-Gemeinde in Berlin wirkte, kämpfte er für eine größere Orgel. Die Orgel wurde angeschafft, als er ging. Glücklicher war er mit der Orgel der großen Nazarethkirche, doch die Kirche wurde 1989 von der Gemeinde aufgegeben, und fortan musste er sich mit dem Instrument der kleinen Nazarethkirche begnügen. Für ihn, den raumfüllenden Menschen, eine Zumutung, der er immer wieder auf seine Art zu begegnen wusste.

Als er in späten Jahren in seinen Heimatort Gimmeldingen zurückkam, an jene Orgel, an der er mit vierzehn das Orgelspiel erlernt hatte, und den Choral „So nimm denn meine Hände“ anstimmte, sang er die Anfangsverse zum Erstaunen der Zuhörer mit. Denn es ist kein Leichtes, die Stimme gegen eine Orgel zu erheben. Musik ist die Kunst, dem immergleichen Brandungsgeräusch des Schicksals eine Melodie abzugewinnen. Werner Seitz schuf viele wunderbare Lieder, immer überzeugt, Gehör zu finden.

Im Januar 2008 brach der Krebs aus, er hoffte auf ein Wunder, und wieder einmal behielt er auf seine Weise recht. Werner Seitz starb am Ostersonntag. Eigentlich hatte er die Kirche noch einmal besuchen und die Orgel spielen wollen. Stattdessen wurde der Gottesdienst für ihn übertragen. Das Handy lag auf dem Pult des Pfarrers, das Telefon daheim war auf Außenlautsprecher gestellt. Gregor Eisenhauer

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