Berlin : Werner Textor (Geb. 1920)

Er sang im Rias, seilte sich vom Funkturm ab und erfand den Polizeihumor

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Na Senator, nasse Hände, wa?

Senator für Inneres, Kurt Neubauer, hatte wirklich nasse Hände, da kamen schließlich grölende, Steine schmeißende Demonstranten direkt auf sie zumarschiert. Neubauer hatte sich neben Werner Textor in den Laukw, den Lautsprecherkraftwagen der Polizei gesetzt, um das mal hautnah mitzuerleben. Da hat man doch ein besseres Gefühl, über was man später am grünen Tisch entscheiden soll. Doch Neubauer hatte vor allem nasse Hände. Besser nicht in den Laukw setzen, riet er seinen Innenministerkollegen. Besser ganz raushalten aus der Polizeiarbeit.

Im Lautsprecherwagen saß 1967, im Jahr der Berliner Studentenrevolte, meistens Werner Textor. Der hatte gute Nerven, Bühnenerfahrung und viel Sinn für lageangepassten Humor. „Bitte räumen Sie den Kurfürstendamm. Diese Bitte gilt auch für jene Kommilitonen, die hier bereits im 17. Semester demonstrieren.“ Das saß. Vorher fingen Durchsagen immer an, wie man es aus Edgar-Wallace-Filmen kennt: „Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei …“

Die wütenden Steinewerfer waren irritiert, erste fingen an zu lachen. Jetzt musste Textor nachlegen, das Publikum will unterhalten werden, sonst stürmt es die Bühne. „Es beginnt jetzt die zweite Runde unseres Räumspiels Student gegen Gendarm. Es werden Wasserspiele mit neuartigen Geräten vorgeführt, die ein Fassungsvermögen von 5000 Litern haben. Bitte legen Sie Bademäntel und Badehosen bereit.“ Das Eis war gebrochen. Seit Langem die erste Sitzblockade, auf der am Ende keine Polizeiknüppel gezückt wurden.

Werner Textor war ein kräftiger Mann mit ausgeprägten Gesichtszügen. Handballspieler. Einer, der auch hätte zulangen können, so wie er es von seinem Vater in der Nazizeit gelernt hatte. Doch Werner merkte früh in seinem Leben, dass mit Wortwitz, trainierter Stimme und Zaubertricks viel mehr zu erreichen war. Er hätte bei den Stachelschweinen anfangen können. Auch ein Angebot der Münchner Lach- und Schießgesellschaft lehnte er ab.

Für das Schmählied „Ostzonale Moritat“, gesungen im Rias, bekam er 400 Mark, durfte aber nicht mehr in die DDR einreisen. Um seine kleine Familie zu versorgen, ließ er sich für die Show „Menschen zwischen Himmel und Erde“ an einem Seil vom Funkturm in den Sommergarten hinabgleiten, zwischen den Zähnen eine Kugel, an der sein Körper hing.

Bei der Polizei war das Salär magerer, aber das Seil, an dem alles hing, viel dicker. Späße machen durfte er jetzt bei den zahlreichen Festlichkeiten des großen Polizeiapparates. Es hatte sich bald herumgesprochen, dass Textor mit dosiertem Spott das eigene Führungspersonal durch den Kakao zog und den politischen Parteien die Leviten las. Bald kannte jeder in der Polizei den Textor, das schmeichelte ihm.

Irgendwann muss seinem Chef eingefallen sein, den uniformierten Unterhaltungskünstler in den Laukw zu stecken. Das war die Geburtsstunde für das, was man später Psychobullen, Gruppe ’47 und noch später Deeskalationsstrategie nannte. Die Polizisten gingen zu den Studenten in die Uni, um zu lernen, warum sie so wütend sind auf die USA und ihre Professoren.

Innerhalb der Polizei wurden sie schnell als „Linke“ diffamiert, die sich gemeinmachen mit dem Gegner. Textor ließ sich nicht beirren, er leitete die 47 Psychobullen mit Rückendeckung von ganz oben. Bis er krank wurde: Gehirntumor. In der Klinik traf er Rudi Dutschke wieder, den kannte er ja vom Laukw. Da gab es viel zu reden und zu lachen.

Mit 55 wurde Textor pensioniert, da begann sein zweites Leben, das er seiner Familie, dem Polizeisportverein, den vielen Freunden und seiner Modelleisenbahn widmete. Die Märklin-Bahn hatte er seinem Sohn Martin mal zu Weihnachten geschenkt, aber den Ausbau übernahm er bald selber.

Als er in den 70ern war, sagte Werner Textor seinem Sohn: Jetzt ändern wir das mal mit der Führungsrolle. Ab jetzt frag’ ich dich immer. Und wenn der Sohn einen vernünftigen Vorschlag machte, folgte der Vater. Als die Mutter zum fünften Mal einen Herzinfarkt erlitt, sagte der Sohn, es sei jetzt Zeit fürs Pflegeheim.

Aber was wird aus der Modelleisenbahn? Ein ganzes Zimmer hatte sie für sich, 100 Loks, die ein Miniatur-Berlin umkreisten. Funkturm und Gedächtniskirche, selbst gebaut aus Streichhölzern und Kartonpappe. Jahrelange Bastelei und architektonische Sehnsucht steckten da drin. Und nun? „Die werd’ ich dann mal abbauen. Sonst kriegste ein Problem.“ Keine Träne, keine Klage. Einsicht in das Unvermeidliche. Die 100 Loks wurden versteigert, auf der großen Spielwarenmesse in Nürnberg.

Im Pflegeheim ließ sich Vater Textor in den Bewohnerbeirat wählen, 2. Vorsitzender, so hatte er was zu tun und kannte bald jeden. Wenn neue Mitbewohner kamen, hielt er zum Begrüßungskaffee eine aufmunternde Rede. Er schrieb lustige, hintersinnige Verse. Schließlich war seine Urahnin die Mutter Goethes. Zum Schluss half nur noch Morphium gegen die Schmerzen.

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