Berlin : Werte müssen durchgesetzt werden

Die Schule muss einen Ethikunterricht für alle anbieten

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Von Klaus Böger Die kulturelle, religiöse und weltanschauliche Vielfalt Berlins spiegelt sich auch an den Schulen wider. Das macht die Stadt interessant und reizvoll, stellt sie aber auch vor große Herausforderungen. Eine große Gefahr besteht darin, dass sich unter dem „Deckmantel“ einer missverstandenen Religiosität mittelalterliche Wertvorstellungen verbreiten und in Migrantenkreisen hoffähig werden. Gerade weil das so ist, brauchen wir einen Grundkonsens darüber, welche verbindlichen Werte eine moderne und tolerante Gesellschaft zusammenhalten. Werte, denen alle verpflichtet sind, ganz unabhängig davon, welcher Religion sie angehören und aus welchem Kulturkreis sie kommen. Das Grundgesetz gilt für alle.

Ich bin überzeugt davon: Ein Werteunterricht für alle ist heute notwendiger denn je. Die alte Freiheit von Berliner Schülern, Unterricht zu besuchen oder lieber ein Eis essen zu gehen, ist nicht mehr zeitgemäß. Ohne ein verbindliches Wertefach mit Religionskunde halten wir den Schülerinnen und Schülern ein ganz wesentliches Bildungselement vor, denn ohne die Kenntnis der Weltreligionen versteht man weder Literatur noch Kunst, noch Geschichte.

Die Berliner Sozialdemokraten diskutieren derzeit darüber, wie die Werte unserer Gesellschaft, zum Beispiel Toleranz, Gleichberechtigung und Demokratie, besser vermittelt werden können. Schon die Debatte um den Werteunterricht hat das Bewusstsein in den Schulen verändert: Spätestens seit dem Fall an der Thomas-Morus-Oberschule muss jedem klar sein: Werte müssen vermittelt, gelebt und durchgesetzt werden. Für Intoleranz darf es in der Schule keinen Raum geben. Unsere Schulen – die Schulleiter, Lehrer, Schüler und Eltern – brauchen für die Aufgabe der Integration unsere Rückendeckung. Dazu braucht es weit mehr als nur ein neues Fach, aber es braucht auch Werteunterricht.

Politik ist bekanntlich die Kunst, geduldig dicke Bretter zu bohren. Mein Vorschlag ist es, ein eigenes Fach Ethik/Philosophie/Religionskunde oder LER einzuführen. Gleichzeitig schlage ich aber auch vor, dass Eltern und Kinder dieses verpflichtende Fach zugunsten eines bekenntnis-orientierten Werteunterrichts ersetzen können. Zusätzlich können die Gruppen gemeinsame Unterrichtsphasen haben. Beides zusammen entspricht dem Unterrichtsmodell, das sich in Brandenburg inzwischen vor Gericht und in der Klasse bewährt hat. Nach mehreren Kreisdelegiertenversammlungen scheint sich abzuzeichnen, dass eine Mehrheit der Berliner SPD dem ersten Teil meines Vorschlages – also verbindlichen Werteunterricht einführen – folgen wird, aber nicht dem zweiten Teil, dem Ersetzungs- und Kooperationsmodell. Damit es kein Missverständnis gibt: Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass das brandenburgische Modell auch für die Berliner Situation angemessen ist. Deswegen werde ich diese Position auf dem SPD-Parteitag im April vertreten. Wichtig ist auch Folgendes: Die Alternative – nämlich LER und zusätzliche Angebote der Religionen – kann das Schulklima und die Schulqualität in drei Punkten erheblich verbessern:

1. Es soll ein neues Fach, ein Werteunterricht, für alle eingeführt werden. Dieser Unterricht folgt den Bildungs- und Erziehungszielen des Schulgesetzes wie Respekt, Gleichberechtigung, Gewaltfreiheit oder Gerechtigkeit. Damit ist sichergestellt, dass in der Schule für diese Werte und Ziele geworben werden muss – und zwar nicht nur in diesem Fach. Die Schulkultur wird sich weiter ändern und muss sich weiter ändern.

2. Dieses neue Fach ist verbindlich. Das bedeutet, dass nicht zwischen Eisdiele und Unterricht gewählt werden kann. LER muss so schnell wie möglich eingeführt werden. Die Grundsatzentscheidung des SPD-Parteitages muss Folgen haben. Nach einem notwendigen Vorlauf, um den Lehrplan für das neue Fach zu entwickeln und geeignete Lehrkräfte dafür zu finden, wird dieses Fach umgehend eingeführt werden.

3. Die Berliner Verfassung lässt uns Spielraum, den Unterricht der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften zu regeln. Daran werden wir nicht rütteln. Weil es aber um Unterricht in der Schule geht, muss sichergestellt sein, dass die Qualifikationsmaßstäbe der Lehrkräfte vergleichbar sind wie für den Unterricht in allen anderen Fächern.

Ich halte nichts davon, die Diskussion des Werteunterrichts in Kategorien von „Gut“ und „Böse“, „Sieg“ und „Niederlage“ zu führen. Wir nehmen gemeinsam Verantwortung für die Kinder und für den notwendigen gesellschaftlichen Minimalkonsens in zentralen Fragen in unserer Gesellschaft wahr. Ich begrüße, dass sich inzwischen viele einig sind, dass wir in Berlin einen verbindlichen Werteunterricht für alle Kinder brauchen. Unseren Grundwerten in den Schulen Geltung zu verschaffen, ist mir ein Herzensanliegen.

Der Autor ist Senator für Bildung, Jugend und Sport und Mitglied der SPD. Zum selben Thema erschien gestern eine Position des Fraktionsvorsitzenden von Bündnis 90/Grüne, Volker Ratzmann.

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