Berlin : Wertekunde: Fachleute geben Klage keine Chance

Nach SPD-Parteitagsbeschluss beginnen die Vorbereitungen zur Einführung des neuen Pflichtfachs

Susanne Vieth-Entus

Nach der Entscheidung des SPD-Parteitages für ein verpflichtendes Schulfach zur Wertevermittlung hat die Schulverwaltung nur wenige Monate Zeit, sich mit Fachleuten über die Lerninhalte zu einigen. Dann erst kann die Lehrerfortbildung beginnen und im Sommer 2006/07 soll der Unterricht bereits ab Klasse 7 starten. Dass das Vorhaben noch an einer Klage der CDU scheitern könnte, bezweifeln sogar die Christdemokraten selbst.

„Ich glaube, dass es wenig Raum für eine Klage gibt“, sagte gestern Gerhard Schmid, bildungspolitischer Sprecher der CDU. Wenn die Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften ihren Unterricht weiterhin zusätzlich anbieten könnten, sehe er nicht, wie sich eine Klage begründen ließe, sofern in dem neuen Fach nicht „indoktriniert“ werde. Diese Ansicht vertritt auch der Verfassungsrechtler Bernhard Schlink von der Humboldt- Universität. „Es macht überhaupt keinen Sinn, zu klagen“, sagt Schlink. Das Grundgesetz zwinge Berlin nicht zu einem Wahlpflichtmodell. Schlink teilt auch nicht die Ansicht, dass hier eine staatliche „Wertebevormundung“ zu befürchten sei, wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse auf dem SPD-Bildungsparteitag gemahnt hatte. „Der Staat darf nicht indoktrinieren, aber er muss natürlich Werte vermitteln“, so Schlink. Er rät den Kirchen, an dem neuen Lehrplan mitzuarbeiten und sich nicht „trotzig zu verweigern“.

Was diesen Lehrplan anbelangt, kann Berlin nicht nur an das Brandenburger Fach LER anknüpfen, sondern auch an den Schulversuch „Ethik/Philosophie“, der in Berlin bereits 1994 auf Betreiben der CDU begonnen wurde: 4800 Kinder in 35 Schulen nehmen teil. Das Fach erfreut sich so großer Beliebtheit, dass die Zahl der Schulen aus finanziellen Gründen begrenzt werden musste.

Zu den Schulen, die in diesem Fach die längsten Erfahrungen haben, zählt das Gabriele-von-Bülow-Gymnasium in Tegel. Schulleiter Ulrich Entz zufolge arbeiten die Philosophielehrer sehr gut mit den Religionslehrern zusammen und erarbeiten gemeinsame Unterrichtseinheiten. Jeder zweite Schüler entscheide sich für den Philosophie-Unterricht. Auch Entz’ Kollege vom Friedrich-Engels-Gymnasium berichtet über gute Erfahrungen. Hermann Battenberg hat „Ethik/Philosophie“ eingeführt, weil Eltern sich über den atheistischen Ansatz des Lebenskunde-Unterrichts des Humanistischen Verbandes beschwert hatten. Jetzt können seine Schüler zwischen Lebenskunde, Religion und Ethik/Philosophie wählen.

Ethik/Philosophie bieten auch fünf Real- und Gesamtschulen sowie vier Hauptschulen an. Die Schmargendorfer Marienburg-Realschule berichtet, dass gerade gestern Religions- und Ethik-Schüler gemeinsam eine Moschee besucht hätten – auch hier gelinge die Zusammenarbeit beider Fachbereiche.

Eine neutrale Auswertung des Schulversuchs hat es längst gegeben. Die FU hat sich die Ergebnisse des Unterrichts angesehen und kam zu dem Ergebnis, dass sich eine „deutliche Differenzierung im Denken der Schüler ergibt“.

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