Berlin : Wertekunde statt Freistunde

Der Werteunterricht dient Gewaltfreiheit, Demokratie und Gleichberechtigung Von Michael Müller

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Berlin ist eine internationale Stadt. Das spiegelt sich auch in unseren Schulen wider. Die Berliner Schülerinnen und Schüler sind unterschiedlicher Herkunft, haben verschiedene Traditionen und Religionen. Angesichts dieser Vielfalt ist es entscheidend, dass sie Gelegenheit haben, miteinander ihre religiösen und weltanschaulichen Vorstellungen zu diskutieren, Unterschiede kennen zu lernen, aber vor allem auch gemeinsame Werte festzustellen. Das kann nur zusammen im Klassenverband geschehen. Die Koalition hat sich deshalb darauf verständigt, zum Schuljahr 2006/2007 Werteunterricht – das Fach Ethik – ab der 7. Klasse einzuführen.

Bis jetzt gibt es keinen Werteunterricht an den Berliner Schulen, den alle Schülerinnen und Schüler besuchen müssen. Entsprechend der Verfassung ist die Teilnahme am Religions- oder Weltanschauungsunterricht in unserer Stadt freiwillig. Gerade an den Oberschulen wurde dieses Angebot jedoch sehr wenig angenommen. Im letzten Jahr nahm von den Berliner Oberschülern gerade einmal ein Viertel am Religions- oder Weltanschauungsunterricht teil. In Friedrichshain-Kreuzberg zum Beispiel war es kein einziger Realschüler, in Treptow-Köpenick waren es ganze sechs Schülerinnen und Schüler. Kein Hauptschüler in Treptow-Köpenick, Pankow und Lichtenberg besuchte diesen Unterricht.

Sicher, man hätte als Reaktion darauf auch ein Wahlpflichtfach einführen können. Aber das ist in der Metropole Berlin nur der zweitbeste Weg. Gerade bei diesem so wichtigen Unterricht sollten wir die Schülerinnen und Schüler nicht nach Religionszugehörigkeit separieren und die Klasse spalten. Nein, nicht Moslems für sich, Christen für sich, Juden für sich – nicht jeder für sich allein. Gemeinsam muss die Auseinandersetzung erfolgen über die Grundüberzeugungen und Werte, die unsere Gesellschaft überhaupt zusammenhalten. Unser aller Ziel sollte sein, dass alle jungen Menschen mit einem ausgeprägten demokratischen Grundverständnis und dem Respekt vor anderen Weltanschauungen die Schule verlassen.

Wir müssen offenen Auges die Realitäten in unserer Stadt sehen. In Berlin gibt es Schulen, in denen die große Mehrheit islamischen Glaubens ist. Das wird von politischen Gegnern in der Diskussion oft vergessen. Die Schule muss hier die Aufgabe haben, diese Schülerinnen und Schüler auch über den christlichen Glauben zu informieren. Ebenso wichtig ist es, dass Katholiken und Protestanten mehr über die anderen in der Stadt vertretenen Religionen erfahren. Dieses Verständnis und die daraus erwachsende Toleranz ist grundlegend für das friedliche Zusammenleben in unserer Stadt. Mahnung sollte uns die eskalierende Auseinandersetzung über die Mohammed-Karikaturen sein.

Doch was passiert mit dem bisherigen Angebot des freiwilligen Religionsunterrichts, das fast 80 Prozent nicht in Anspruch genommen haben? Bedauerlicherweise operieren manche – gerade in Anzeigen – mit Halb- und Unwahrheiten, indem sie suggerieren, der Religionsunterricht solle abgeschafft werden. Das Gegenteil ist der Fall. Fest steht: Auch nach der Einführung des Werteunterrichts behält der freiwillige Religionsunterricht seinen Platz an der Schule. Er bleibt in die Stundentafeln integriert, wird in den Klassenräumen unterrichtet. Die finanzielle Unterstützung für diesen Unterricht durch das Land bleibt in vollem Umfang erhalten. Auch künftig werden den Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften bis zu 90 Prozent des Aufwandes für Personal- und Ausbildungskosten erstattet; jährlich sind das rund 50 Millionen Euro. Im Übrigen wird in diesen Tagen ein Staatsvertrag über die Zusammenarbeit zwischen der Evangelischen Kirche und dem Land Berlin vereinbart.

Als Christ erhoffe ich mir durch das Fach Ethik auch neues Interesse für die Kirchen. Die Möglichkeit, über eine Kooperation alle Schülerinnen und Schüler mit dem Ethikunterricht zu erreichen, sollten sich die Kirchen nicht entgehen lassen und sich aktiv an der konkreten Ausgestaltung des Faches beteiligen. Ich würde mir das jedenfalls wünschen. Die Tür steht offen.

Michael Müller ist Landeschef der SPD und ihr Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus. Er antwortet auf eine Position des CDU-Spitzenkandidaten Friedbert Pflüger, die am vergangenen Montag im Tagesspiegel erschienen ist.

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