Westend : Zu fast jeder Villa gehört ein Star

Mit Ringelnatz am Steubenplatz: Das Westend ist eine Ruheinsel im Berliner Stadtgetriebe. Ein Buch erzählt von den prominenten Bewohnern.

Thomas Loy

Wer dort wohnt, ist fein raus. Westend ist die allgemeinverständlichste Umschreibung für Ruhm, Geld, Bildung, Platanen und Flaneur mit Dogge. Der Schriftsteller Martin Mosebach hat einen Roman mit „Westend“ überschrieben, dahinter folgen immerhin 800 Seiten. Das Wort hat Noblesse und Understatement, funktioniert wie ein Markenartikel. Auch Köln, München und Frankfurt haben ein Westend. Und natürlich Berlin. Ursprung aller Westends ist London.

Im Charlottenburger Westend kreuzen sich die Karrierefäden vieler bedeutender Musiker, Schauspieler, Schriftsteller und Militärs. Jetzt ist das passende Nachschlagewerk erschienen: „Prominente in Berlin-Westend“. Beschrieben sind 23 Lebensläufe verstorbener Einwohner, von den Schriftstellern Arnold Zweig über Joachim Ringelnatz und Alfred Döblin bis zu dem Kabarettisten Wolfgang Gruner. Die Zahl der Kurzerwähnten liegt bei etwa 300, darunter lebende Promis wie der Kabarettist Dieter Hildebrandt und Schauspielerin Angelica Domröse.

Das mit den Adressen ist ein wenig kompliziert. Einige Straßen wurden umnummeriert, wie die Ahornallee, deren prächtige Villen im Krieg zuschanden kamen. Bei lebenden oder erst kürzlich verstorbenen Prominenten wie Klausjürgen Wussow haben die Autoren auf aktuelle Ortsangaben verzichtet. Auch die Bubi-Scholz-Villa hat keine Adresse. „Wir wollten keine Wallfahrtsorte schaffen“, sagt Harry Balkow-Gölitzer, einer der vier Buchautoren.

Westend ist heute nicht mehr so klar konturiert wie zur Zeit der Entstehung im 19. Jahrhundert. 2004 wurden die Siedlungen Eichkamp, Heerstraße, Pichelsberg und Ruhleben in den Ortsteil eingegliedert, was das Prominenten-Buch anschwellen ließ, den Bewohnern des ursprünglichen Westends um Brixplatz und Branitzer Platz aber allenfalls ein Schulterzucken entlockt. Allein über das Brixplatz-Viertel (früher: Sachsenplatz) ließe sich ein Starlexikon schreiben. Hier lebten der Komponist Paul Hindemith und der Schauspieler Veit Harlan Tür an Tür. Ebenso Max Schmeling, seine spätere Frau Anni Ondra und der Dichter Joachim Ringelnatz. Abends trafen sie sich in der „Westendklause“ am Steubenplatz…

Die Anfänge Westends waren – das gilt auch für andere Villenkolonien Berlins – eng mit der Gastronomie verbunden. 1840 eröffnete ein bayerischer Bierbrauer an der heutigen Einmündung der Reichsstraße in den Spandauer Damm einen Ausschank. 15 Jahre später war daraus eine Brauerei mit zwei großen Lokalen daraus gewachsen. Das „Spandauer Bock“ ermutigte viele Berliner und Spandauer zu einem Ausflug in das Gebiet mit seinen „schneeweißen Sanddünen“ und einem tollen Blick auf die Stadt. 1866 gründete der Bankier Johann Quistorp zusammen mit Martin Gropius und anderen Geldgebern die „Westend Kommanditgesellschaft“. Ein Jahr später standen die ersten Villen, vor allem in der Ahorn- und der Lindenallee. Die Gesellschaft machte bald bankrott, aber das Westend überstand die Krise und blühte zu einem begehrten Wohngebiet am Stadtrand auf.

Der Charme der frühen Jahre sei heute verflogen, sagt Westend-Forscher Balkow-Gölitzer, aber das Gleiche könne auch von exklusiven Wohnvierteln in Dahlem oder Wannsee gesagt werden. Die moderne Stadt mit ihren Verkehrsachsen hält Westend fest umschlungen. Mittendrin ist aber immer noch dieses britannische Gefühl von splendid isolation zu spüren. Thomas Loy

Harry Balkow-Gölitzer, Rüdiger Reitmeier, Bettina Biedermann, Jörg Riedel: Prominente in Berlin-Westend, be.bra-Verlag 2007, ca. 300 S., 19,90 Euro

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