Berlin : Wettbewerb am Krankenbett

In Berlins öffentlichen Kliniken wächst der Kostendruck – und es gibt immer mehr private Konkurrenz

Ingo Bach,Maren Peters

Berliner Krankenhäuser stehen unter wachsendem Druck durch private Konkurrenz. „Der Wettbewerb ist sehr hart geworden“, sagt Hans-Jürgen Reinecke, Vorstandsvorsitzender der Berliner Krankenhausgesellschaft. Auch bei Vivantes heißt es: „Die Berliner Kliniken empfinden sich zunehmend als Konkurrenten.“

In den großen öffentlichen Krankenhäusern wird allenthalben über Personalabbau und die Aufgabe von Standorten debattiert. Vor allem die beiden großen öffentlichen Klinikkonzerne Berlins, Vivantes und die Charité, sind mitten in der Sanierungsphase. Derweil freuen sich viele private Klinikträger über volle Betten – und investieren kräftig in neue. So zeigte der Helios-Konzern gestern stolz den Rohbau für ein 1000-Betten-Krankenhaus her, das in Buch entsteht. 200 Millionen Euro investiert Helios dafür, ab 2007 sollen in dem Neubau Patienten versorgt werden. Auch die private Meoclinic an der Friedrichstraße in Mitte kann sich nach überstandener Insolvenz über Nachfrage nicht beklagen. „Es geht uns sehr gut“, sagt Martin Hasheider, der Verwaltungschef der 50-Betten-Klinik. Die Zahl der Belegärzte sei in den vergangenen Jahren um 50 Prozent auf über 60 gestiegen. „Wir konkurrieren mit jeder Klinik in Berlin um Privatpatienten.“

Das macht den großen öffentlichen Kliniken zu schaffen. Obwohl in den vergangenen zehn Jahren jedes zweite Krankenhausbett weggefallen ist, sind sie immer noch sehr teuer – auch, weil sie das gesamte medizinische Spektrum, inklusive Notfallmedizin, anbieten müssen. Aber sie haben Probleme, sich zu finanzieren. „Das liegt nicht am schlechten Management, sondern daran, dass private Kliniken sehr viel besser Kapital für Investitionen mobilisieren können“, sagt der Klinikexperte Reinecke. Außerdem, sagt er, seien die Privaten im Vorteil, weil sie sich auf lukrative Marktnischen spezialisieren könnten. „Rosinenpickerei“ nennt er das.

Einer dieser Rosinenpicker ist die Klinikkette Medical-One, die vor wenigen Monaten auch eine Niederlassung im Berliner Westen eröffnet hat. Sie bietet Leistungen an, die keine Kasse zahlt. Vor allem Schönheitsoperationen, später sollen auch Zahnkorrekturen hinzu kommen. Ein wachsender Markt in der Hauptstadt: „Es gibt rund 70 Anbieter dieser Art in und um Berlin, allerdings sind nicht alle zugelassen“, sagt der ärztliche Direktor und Chirurg Klaus Plogmann. „Wir gehen davon aus, dass es noch mehr werden.“ Rund 50 Patienten hat Medical-One seit März behandelt, 200 pro Jahr sollen es einmal werden.

Dass immer mehr kleine Privatkliniken entstehen, liegt auch an der Struktur des öffentlichen Gesundheitswesens. „Viele Mediziner spezialisieren sich auf chirurgische Gebiete und machen sich mit kleinen Kliniken selbstständig, um nicht in den bürokratisch überlasteten Krankenhäusern arbeiten zu müssen“, sagt ein Sprecher des Landesverbandes deutscher privater Krankenhausanstalten.

Die öffentlichen Kliniken machen sich erst langsam mit dem Wettbewerb vertraut. Bis vor wenigen Jahren waren sie alle auskömmlich finanziert, weil die Kassen die tatsächlich anfallenden Kosten erstatten mussten. Doch das ändert sich nun: Zum einen durch ein neues Entgeltsystem. Danach bezahlen die Krankenversicherungen den Kliniken nur noch eine feste Pauschale für die jeweils behandelte Erkrankung und rechnen nicht mehr die Liegetage der Patienten im Krankenbett ab. Das zwingt die Kliniken, schärfer zu kalkulieren und miteinander über die Qualität zu konkurrieren. Dazu kommt, dass der Kampf um die stationären Patienten härter wird. „Da muss man sehen, wie man seine Betten voll bekommt“, sagt ein Vivantes-Sprecher.

Doch die öffentlichen Kliniken entwickeln Abwehrstrategien. So versuchen sie etwa, die einweisenden Ärzte an die Klinik zu binden. Das probiert Vivantes gerade in einem Kooperationsprojekt mit den niedergelassenen Urologen in Berlin, das noch in diesem Jahr starten soll. Von den rund 150 Berliner Kollegen haben bereits 93 eine Absichtserklärung unterschrieben, mitzumachen, sagt der Landeschef des Urologenverbandes, Jürgen Simon. Auch die Ärzte sollen davon profitieren: Für jeden an Vivantes überwiesenen Patienten soll es ein Honorar geben für die „ambulante Vor- und Nachsorge“, sagt Simon.

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