Berlin : Wettbewerb Museumsinsel: Auftrag Arkadien

Christoph Stollowsky

Die Exkursion zur Akropolis ersoff im Regen. Es goss und wetterte, als wolle der Himmel die zwei jungen Leute von einem heiligen Stück Land vertreiben, an dem sie sich nicht versündigen sollten. Wo KarlFriedrich Schinkel, Friedrich August Stüler und andere berühmte Architekten des 19. Jahrhunderts einst wirkten, schien kein Raum mehr für neue Ideen zu sein. Doch die beiden hielten wacker durch. Ein Mann und eine Frau staksten an diesem Nachmittag im Dezember vergangenen Jahres durch die Pfützen auf der "Akropolis über der Spree", wie die Museumsinsel zuweilen genannt wird. Notizbücher und Kameras unterm Cape - als wären sie eingeflogene Touristen, die Berlin an einem Tag unerbittlich kennen lernen müssen.

Doch dieses Ehepaar kam aus einem kleinen Büroloft an der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Martina und Nicolai Levin, zwei Garten- und Landschaftsarchitekten, deren Vorhaben gleichfalls unter Zeitdruck stand: Sie wollten die arg heruntergekommenen Wege, Plätze und Rasenflächen auf dem Herzstück der Berliner Museumslandschaft neu gestalten. Im ersten Durchgang auf dem Papier, denn sie nahmen am Wettbewerb "Zur Gestaltung der Zwischenräume" auf der Insel teil. Gegen 14 weitere Bewerber mussten sie sich durchsetzen und ihre Vorstellungen innerhalb von drei Monaten entwickeln - bis es am 22. Februar, kurz vor Mitternacht, im Büro rappelte. Es war "einer der aufregendsten Anrufe" in ihrem Leben. Die Jury gratulierte am Telefon.

Martina und Nicolai Levin gewannen gemeinsam mit ihren Partnern Luc Monsigny und Axel Hermening den ersten Preis, weil ihr Konzept auf dem wohl heikelsten historischen Terrain der Stadt "vorbildlich Balance hält zwischen dem rechten Gespür für das Zeitgemäße und einem respektvollen Umgang mit der Vergangenheit", lobte die Jury. Das verlangte sparsame Accessoires, um den Museen keine Wirkung zu stehlen und ein harmonisches Gesamtkunstwerk im Sinne des Preußenkönigs Friedrich Wilhelms IV. zu schaffen, dem eine "Freistätte für Kunst und Wissenschaft" auf der spreeumschlungenen Insel vorschwebte. Durch ihre wechselvolle Baugeschichte und die Kriegszerstörungen wurde das Ideal aber nie erreicht, erst der jetzige Wiederaufbau der Insel soll es vollenden. Eine Herausforderung auch für die Gartenarchitekten. Sie sollten für das Meisterwerk den rechten Passepartout und Rahmen finden.

Oft nur Restflächengestaltung

Das passt zu ihrem Schaffensideal. "Wir haben ja einen schöngeistigen Beruf", sagt Martina Levin, "doch er verkommt oft zur Restflächengestaltung." Gewiss, auch Aldi-Parkplätze brauchen eine professionell ordnende Hand, aber das Architekten-Paar wollte attraktivere Jobs. Als sie vor sieben Jahren von der Technischen Fachhochschule Berlin in die Praxis starteten, hätten sie allerdings den raschen Aufstieg eines Fußballers der Alt-Herren-Riege in die WM-Mannschaft für wahrscheinlicher gehalten als ihren jetzigen Erfolg. Obwohl ihre Zunft damals noch bessere Aussichten hatte.

Hinterhöfe wurden "begrünt", Plattenbauten mit Natur umrahmt - es gab jede Menge Förderprogramme. Doch inzwischen knausert die öffentliche Hand zuerst an den schönen Dingen. Wer verdienen will, muss sich hart durchsetzen. Alleine im Berliner Telefonbuch stehen rund 100 Garten-und Landschaftsarchitekten.

Die Eheleute Levin starteten dagegen noch eine Karriere wie im Bilderbuch. Auf den ersten Seiten sieht man sie als Gärtnerlehrlinge, dann studierten sie, waren bei Kollegen engagiert, doch es drängte sie, grüne Ideen unter eigener Regie zu entwickeln. "In diesem Job wirst du nicht reich", sagt Nicolai Levin, "also wollen wir wenigstens Spaß dabei haben."

Der Spaß beginnt im Treppenhaus zu ihrem Büro an der Schönhauser Allee 182. Bis Mitte der 90er Jahren polterten dort Kinder über die Stiegen, es gehörte zur katholischen Theresienschule, die inzwischen nach Weißensee umgezogen ist. Seither arbeitet das Team Levin/Monsigny in einem früheren Klassenraum in der vierten Etage. Lachsrote Amaryllen im Fenster, in der Tiefe der Vorplatz zur Herz-Jesu-Kirche. "Im Sommer blüht es dort überall", sagt Martina Levin. Dann kommt sie sich vor "wie in Napoli."

Hier also arbeiten die grünen Start-Ups, liefern Ideen für Villengärten, für Hinterhöfe oder die Fleurop-Zentrale in Lichterfelde. Damit der "Spaß stimmt", beteiligen sie sich an Festivals, beispielsweise im Vorjahr in Lothringen. Nicolai Levin legt Fotos auf den Tisch. Fünfzig knallrote Flöße sind in einem Flüsschen verankert, jedes eineinhalb Meter lang, auf jedem flattert Puppenwäsche. Eine Installation zur Ortsgeschichte, denn hier schufteten einst Wäscherinnen in Scharen. Eine Woche schlossen sie ihr Büro ab. In dieser Zeit haben sie alle Flöße selbst gebaut.

Keine Frage, Start ups schauen selten auf die Uhr. Sonst hätten sie ihre Präsentationsmappe nicht so schnell zusammenbekommen, gefüllt mit Projektbeschreibungen für 15 Wettbewerbe, an denen sie wie im Rausch teilnahmen - abonniert auf erste und zweite Preise. Dritte Plätze haben sie "regelrecht enttäuscht."

Zuallererst setzten sie sich gegen rund 180 Rivalen an den "Ministergärten" in Mitte durch, wo bundesdeutsche Länder ihre Vertretungen errichten. Die Gestaltung mehrerer Gärten war 1998 ausgeschrieben, das junge Büro orientierte sich an der Geschichte des Ortes, an dem sich Politiker schon im Kaiserreich in Szene setzten. Also entwarfen sie geschickt kleine Bühnen und Podien - und bekamen ad hoc den zweiten Preis. Martina Levin: "Wir dachten, das klappt ja ganz gut - und machten weiter."

Ein Blick in die Mappe. Da gibt es Entwürfe für die Stadtgärten in Adlershof, für den Park "Gut Falkenberg" in Hohenschönhausen oder die Gärten des Sankt Josefs-Krankenhauses in Potsdam. "Das sind unsere Poesiealben". Martina Levin hebt einige Bändchen hoch. Geschmückt mit Computer-Illustrationen und anschaulichen Texten, weil den Autoren selbst daran liegt, die Zukunft eines Ortes vergnüglich aufzublättern.

Beete in Amöbenform

Das beginnt schon beim Start ihrer Projekte: Welche Geschichten erzählt der Ort? Nach Adlershof ziehen Wissenschafts-Firmen, also entwarfen sie für den geplanten Park Bilder, die man im Mikroskop sieht: Beete wie Kristalle oder in Amöbenform.

Die Amöben werden aber nie zur Blüte kommen, der Park ist wegen Geldmangels schon auf dem Papier verwelkt - kein seltener Ärger. Projekte werden gestrichen, gekürzt, vor solchen Reinfällen schützen die besten Preise nicht. Und kommen die Planer als Bauleiter zum Zuge, so müssen sie sich um den Widerhall ihres Werkes Sorgen machen. "Häuser sind am ersten Tag am schönsten, bei uns ist es umgekehrt. Sträucher und Bäume sehen anfangs mickrig aus."

In Arkadien wird das alles anders sein. Der Beifall stürmte schon derart heftig über sie hinweg, dass sie nichts mehr zu fürchten brauchen. Zwischenrufer sind längst verstummt. Verehrer der Insel, die eher ein konservatives Verhältnis zu ihr haben und jede Neuerung als Sündenfall empfinden, wollten allenfalls eine klassische Rekonstruktion wie im Lustgarten hinnehmen. Doch das Team aus der "Schönhauser" hat sie umgarnt. Wie macht man einer Akropolis und ihren Bewunderern klar, dass sie eine zeitgerechte Maniküre braucht?

"Am besten ganz unbefangen". Das fiel dem Ehepaar Levin nicht schwer, schließlich sind die beiden gleichfalls in die Akropolis von Spreeathen verliebt, auf experimentierfreudige Weise allerdings. Zum Rendezvous kommen sie in der Mittagspause, man läuft nur zehn Minuten vom Büro zum Picknick zwischen Säulen. Doch seit Herbst vergangenen Jahres betraten sie hier ein umstrittenes Terrain. Nach den Auflagen des Wettbewerbes sollten an dieser Stelle alte Ansichten aus der Kaiserzeit originalgetreu wieder auferstehen.

Damals gedieh dort ein Garten mit hohen Sträuchern, aber Martina und Nicolai Levin mochten diese Fülle nicht. "Manierierte Gartenkunst", murrten sie, "der Blick auf die Museen wird versperrt." Wer in Berlin und Brandenburg Gartenarchitektur studiert, hat ständig Umgang mit Fürst Pückler, Lenné und anderen großen Kollegen. Das schult den Blick für die Kunstfehler der Zunft.

Der Garten wird also nicht zurückkehren. Bis die Planer allerdings ihre Vision vom Kolonnadenhof verwirklichen können, werden noch Jahre vergehen. "Diese Insel ist ein Lebenswerk", sagt Nicolai Levin. Vielleicht hat sich die Jury auch deshalb für ein junges Team entschieden.

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