Berlin : Wettbewerb statt Klassenkampf

Angela Merkel eröffnete die Managerschule am Schloßplatz. Heute dürfen sich die Berliner dort umsehen

Sebastian Leber

Der Terminplan von Angela Merkel ist vollgepackt wie immer. Also muss der Rundgang durch Erich Honeckers alte Amtsräume ohne die Kanzlerin stattfinden. Und auch die Fenstermalereien im Treppenhaus, die Soldaten mit roten Fahnen und kampfbereite Arbeiter zeigen, sieht Merkel nur im Vorübergehen.

Aber schließlich ist sie nicht gekommen, um denkmalgeschützte Symbole des Sozialismus zu bewundern. Sondern um bei einem Ereignis dabeizusein, das zu DDR-Zeiten undenkbar gewesen wäre: der Eröffnung der „European School of Management and Technology“ (ESMT), Berlins neuer privater Managerschule. Nach zweijähriger Sanierungsarbeit im alten Staatsratsgebäude am Schloßplatz werden hier die ersten 30 Studenten zu Führungskräften der Wirtschaft ausgebildet – ausgerechnet dort, wo erst Walter Ulbricht und später Erich Honecker als „Vorsitzende des Staatsrats der DDR“, faktisch als Staatspräsidenten, residierten. Wer an der ESMT den Titel „Master of Business Administration“ erwerben will, zahlt nicht nur 50 000 Euro Studiengebühren, sondern muss auch mehrere Aufnahmetests bestehen.

„Ganz richtig“ findet Merkel das Auswahlverfahren, denn gerade dies sei ja eine der „schlimmsten Eigenschaften“ der DDR gewesen: Dass der Staat keinen Wettbewerb gewollt habe. Aber es habe ihn natürlich trotzdem gegeben, sagt Merkel, „und wenn es der Wettbewerb im Kleingarten um das beste Radieschen war“. Noch aus einem anderen Grund ist die Kanzlerin von der ESMT begeistert: die Eigeninitiative. „Hier wurde nicht auf den Staat gewartet.“

Das stimmt zwar einerseits, weil die 100 Millionen Euro für die Gründung der ESMT nicht vom Staat, sondern von 25 deutschen Unternehmen – von Schering über Deutsche Bank bis Lufthansa – stammen. Andererseits habe die Politik sehr geholfen, sagt Thyssen-Krupp-Chef Gerhard Cromme, der den Aufsichtsrat der ESMT leitet. Vor allem der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit habe sich für das Projekt eingesetzt. Und auch Merkels Vorgänger wird besonders gelobt: Damals, zu Beginn der Planungen im kleinen Kabinettszimmer des Kanzleramts, so erinnert sich Cromme, da habe Gerhard Schröder gleich klargestellt, dass Deutschland eine Managerschule brauche. Und zwar in Berlin. Und zwar am Schloßplatz. „Das hat was“, soll Schröder gesagt haben.

Die ESMT und ihre Unterstützer haben sich viel vorgenommen: Mit den ganz großen Eliteunis wie Harvard und Yale will man sich künftig messen. Ob das gut ausgeht, wird wohl davon abhängen, ob die 30 Studenten des ersten Jahrgangs nach ihrer Ausbildung an der ESMT in Top-Positionen der Wirtschaft unterkommen. „Wir sind sozusagen dazu verdammt, eine Erfolgsgeschichte zu werden“, sagt Benjamin Perlzweig, einer der wenigen Deutschen im ersten Jahrgang.

In seiner Kleingruppe arbeitet er täglich zwölf Stunden lang mit zwei Indern, einem Chinesen und einer Kanadierin: „Da lernt man vieles, was ich unter lauter Deutschen nie mitgekriegt hätte.“ Der Unterricht läuft zwar schon seit Mitte Januar, nur gab es bis jetzt noch keinen Termin, an dem sowohl die Kanzlerin als auch die vielen anwesenden Unternehmenschefs Zeit für die Eröffnungsfeier hatten: Henning Schulte-Noelle von der Allianz ist da, Rolf Breuer von der Deutschen Bank ebenfalls. Der guckt sich nach dem Festakt noch kurz im Auditorium um. Über den Stuhlreihen an der Wand hängt ein – restauriertes – DDR-Wappen.

Auch im Treppenhaus kann man Hammer, Zirkel und Ährenkranz sehen, das ist sogar der gehetzten Angela Merkel im Vorbeigehen aufgefallen. Und sie findet es gar nicht schlimm: Es gebe bestimmt Menschen, die sich an Hammer und Zirkel „satter sehen können als ich. Aber immerhin kann ich es inzwischen wieder ertragen, da hinzugucken“.

Am heutigen Sonnabend lädt die ESMT am Schloßplatz 1 zum Tag der offenen Tür. Von 12 bis 17 Uhr können alle Räume besichtigt werden.

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