Berlin : Wetterwendisch

elisabeth binder

fragt sich, warum nicht mehr Leute zur Queen kamen Sind die Berliner undankbar? Als die Queen 1965 zum ersten Mal hier war, standen 1,3 Millionen Bürger dieser Stadt am Straßenrand und jubelten ihr zu. England gehörte zu den drei West-Alliierten und ihr Bekenntnis zu Berlin war im Kalten Krieg ein wärmender Hoffnungsstrahl. Diesmal hatten sich nur an einigen Stationen Menschenansammlungen gebildet. 15 Jahre nach dem Fall der Mauer leben wir in einer unvergleichlich glücklicheren Stadt, die vergangene Schrecken überwunden hat. Im Kalten Krieg gehörte es zum guten Ton, sich für das Überleben West-Berlins einzusetzen, in dem man Hoffnungsträgern ein möglichst unvergessenes Willkommen bot. Für viele war es in Zeiten großer Anspannung auch ein emotionales Bedürfnis, das zu tun. Es waren harte und dennoch vergleichsweise einfache Zeiten, denn die Fronten waren klar, die Furcht vor Terror gab es so noch nicht. Dass die Queen S-Bahn fahren würde, konnte aus Sicherheitsgründen erst ganz kurz vorher bekannt gegeben werden. Auch haben sich mit der Stadt die Horizonte geweitet. Zehn Jahre nach dem Abzug der Alliierten wissen viele schon gar nicht mehr, was für eine Bedeutung sie einmal hatten. Das Protokoll mit seinem professionellen Elefantengedächtnis hat Elizabeth II. allerdings einen besonders glanzvollen Empfang bereitet. Die Schaulust der Leute ist banalerweise auch von einer Sache abhängig, die sich noch schneller wandelt als die Zeiten: dem Wetter.

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