Berlin : Wettrüsten gegen den Krebs

Charité und Privatinvestoren planen millionenteure Bestrahlungsanlagen – doch wirtschaftlich ist nur eine zu betreiben

Ingo Bach

Das Wettrennen um die erste Partikelstrahlkanone gegen Krebs in Berlin scheint sich derzeit gegen die Charité zu entscheiden. Während das Universitätsklinikum im Verbund mit dem landeseigenen Klinikkonzern Vivantes und privaten Partnern weiterhin auf grünes Licht vom Senat wartet, um die 140 Millionen Euro teure High-Tech-Waffe gegen Tumore am Virchow-Klinikum in Wedding errichten zu dürfen, ist das Konkurrenzprojekt, das ein Konsortium in Adlershof bauen will, nach eigenen Angaben schon wesentlich weiter.

Das Projekt wurde dem Senat kürzlich vorgestellt. „Aber wir wollen kein Geld vom Senat“, sagt Ullrich Meier, Chefarzt der Neurochirurgie im Unfallkrankenhaus Berlin und Geschäftsführer des Betreiberkonsortiums ZPE. „ Die private Finanzierung steht, die Verträge sind unterschriftsreif.“ Noch in diesem Jahr soll der Bau beginnen. Zunächst werde es aber nur eine Protonenstrahlanlage geben, „mit der Option, später ein Schwerionen-Gerät zu integrieren“.

Die Therapie mit Protonenstrahlen gilt als risikoärmer als die herkömmlich zur Zerstörung von Krebszellen genutzte harte Röntgenstrahlung. Denn der Beschuss mit Protonen kann in einer definierten Körpertiefe innerhalb weniger Millimeter gestoppt werden. Das gesunde Gewebe wird auf diese Weise nicht belastet, die Nebenwirkungen sollen geringer sein. Gleiches sollen auch Schwerionen erreichen. Sie können aufgrund der höheren Masse allerdings auch die kranken Zellen im Inneren einer Krebsgeschwulst erreichen, wohin die Protonen nicht gelangen. Für deren Erzeugung ist aber mehr Energie nötig, was die Anlage entsprechend verteuert.

Die Therapie, deren Nutzen noch immer umstritten ist, kann pro Patient bis zu 20 000 Euro kosten. Man habe aber bereits positive Signale von Krankenkassen, dass sie die teure Therapie bezahlen wollen, sagt Meier.

2011 sollen in Adlershof die ersten Krebspatienten behandelt werden. Anfangs kalkulieren die Betreiber mit jährlich 1000 Kranken – spätestens nach drei Jahren sollen es dann 4000 sein. „Und die werden nicht nur aus der Region Berlin und Brandenburg kommen“, sagt Meier.

Das Grundstück in Adlershof hat sich die ZPE von der Stadtentwicklungsverwaltung für einen Kauf reservieren lassen. Das Gelände soll rund zwei Millionen Euro kosten mit der Maßgabe, dort ein Protonenzentrum zu errichten. Der Vertrag enthält allerdings auch eine Klausel: Wenn der Senat ein anderes Partikelzentrum unterstützt, kann die ZPE kostenlos von der Reservierung zurücktreten. Die Option ist allerdings zeitlich befristet: Kommt der Kauf bis Juni 2008 nicht zustande, ist der Vertrag ungültig.

Obwohl klar ist, dass für einen wirtschaftlichen Betrieb zweier solcher Millionen-Anlagen in Berlin die potenziellen Patienten nicht ausreichen, gibt die Charité das Rennen nicht verloren. Geht es doch dabei auch um Prestige. Noch in diesem Jahr, so hofft Charité-Vorstandschef Detlev Ganten, werde man in Wedding ebenfalls mit den Arbeiten beginnen können. In Kürze würden der Aufsichtsrat des Universitätsklinikums und der Berliner Senat darüber entscheiden, lässt Ganten ausrichten. Die Charité setzt dabei auch darauf, dass man nicht nur Protonen sondern von Anfang an auch Schwerionen zur Bestrahlung einsetzen werde, man also moderner sei. Und die Charité hat ein weiteres Argument auf ihrer Seite: Die meisten Experten sind der Ansicht, dass ein solches Zentrum die Kooperation mit einer Universitätsklinik brauche – denn es gehe dabei auch um Forschung. Nur so erklärt sich der Kommentar der Charité zum Konkurrenten: „Da sind wir ganz entspannt.“

Fraglich ist, ob das Universitätsklinikum so entspannt bleibt. Die zuständige Senatswissenschaftsverwaltung klingt eher distanziert. Da der Betrieb einer Protonen- und Schwerionenanlage sehr teuer sei, werde die Wirtschaftlichkeit einer Anlage am Standort Berlin genau geprüft, sagt Behördensprecher Kenneth Frisse. „Eine Entscheidung hierzu steht noch aus.“ Es gebe derzeit schon einige Projektplanungen in Deutschland, zum Beispiel in München, Kiel, Heidelberg und Essen. Und auch diese Anlagen, die gegenüber den Berliner Projekten zum Teil einen deutlichen zeitlichen Vorsprung haben, wollen überregional Patienten gewinnen. Ingo Bach

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