Berlin : WG für Alleinerziehende

Erstes Kind, erster Job, erste Wohnung: In Marzahn-Hellersdorf starten Bezirk und Vermieter Degewo ein Projekt für junge Singlemütter – und unterstützen sie im stressigen Alltag.

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Neues Zuhause.
Neues Zuhause.

In der Ecke eine Wohnlandschaft, dort der Küchenbereich. „Das wird mein Schlafzimmer“, sagt die 17-jährige Jessica Pak, „und das große Zimmer kriegt die Kleine.“ Gemeinsam mit 14 weiteren Alleinerziehenden und deren Kindern startet sie diesen Juni in das Wohnprojekt „Jule“ (Junges Leben) im Norden von Marzahn. Die jungen Mütter und ein junger Vater beziehen in diesen Wochen für drei bis fünf Jahre Wohnungen oder Wohngemeinschaften in der Golliner Straße und werden dabei unterstützt, eine Ausbildung nachzuholen, eine Arbeit zu finden und ihren Alltag mit Kind zu regeln. Dazu gehören Tipps zu Kindererziehung, Haushaltsführung und gesunder Ernährung oder ein Bewerbungstraining. Auch bei Wegen zum Amt oder zur Schuldnerberatung sollen die Bewohner begleitet werden.

Jessica Pak wohnte mit ihrer zweijährigen Tochter bislang bei ihrer Mutter. Dort habe sie zwar ein eigenes Zimmer, sie sei aber schon kribbelig, allein zu wohnen. Ganz allein hätte sie sich den Umzug nicht zugetraut. „Ich bin sehr selbstständig“, sagt Jessica, „das hat mir schon die Grundschullehrerin ins Zeugnis geschrieben.“ Im Jule-Projekt will sie ihren Schulabschluss nachholen und Kinderpflegerin werden. In der neuen Wohnung hofft sie auf mehr Ruhe zum Lernen. Den Schlüssel für ihre Drei-Zimmer-Wohnung hat Jessica Pak schon bekommen.

Initiiert wurde das Projekt von der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo, die in Marzahn 18 000 Wohnungen verwaltet. Die Mitarbeiter im Bezirk hätten immer mehr Interessenten auf Wohnungssuche ablehnen müssen, weil sie Schufa-Einträge oder Mietrückstände haben, sagt Daniela Staeck von der Degewo Marzahn-Nord. Oft wären das junge alleinerziehende Frauen, die ihr Einkommen vom Jobcenter beziehen und keinen Schulabschluss haben.

Durch den Alltag werden die jungen Eltern von Mitarbeitern des Vereins Kinderring betreut. Das Projektbüro ist in der ersten Etage eines Wohnhauses angesiedelt, wo außerdem ein Raum für Workshops, ein Spielbereich für Kinder und ein Café entstehen. Kooperationspartner sind das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf, der Wirtschaftskreis und das Jobcenter des Bezirks.

47 Prozent aller Familien in Marzahn-Hellersdorf sind alleinerziehend, sagt Anett Dubsky, Projektleiterin vom Netzwerk Alleinerziehende Marzahn-Hellersdorf. Das ist der höchste Anteil in Berlin und einer der höchsten in Deutschland. Die meisten Alleinerziehenden, die zu ihr in die Beratung kommen, hätten eine Trennung zu bewältigen oder Schulden zu bezahlen. In diesen Situationen würden manchmal die einfachsten Probleme Schwierigkeiten machen. Etwa wenn ein Küchenschrank zusammenfällt und man weder jemanden kennt, der helfen könnte, oder das Geld hat, um einen Handwerker zu bezahlen. „Es ist ein großes Paket“, sagt Dubsky. Projekte wie Jule erleichtern jungen Alleinerziehenden den Weg in die Selbstständigkeit, auch weil sie sich gegenseitig unterstützen. Neben Hilfestellungen im Einzelfall müsse man sich aber auch um die Strukturen kümmern. „Auch wenn eine Wohnungsbaugesellschaft dahinter steht, wird es für Alleinerziehende nicht leichter, einen Kitaplatz zu finden.“ Außerdem seien bislang nur wenige Unternehmen für die Bedürfnisse von jungen Alleinerziehenden bei der Ausbildung sensibilisiert. Die jungen Alleinerziehenden erlebt sie bei den Beratungen als sehr motiviert. Sie bräuchten auch kein Mitleid, sondern lediglich etwas mehr Unterstützung im Alltagsstress.

Im Gemeinschaftsbereich kommt Jessica Pak schnell ins Gespräch mit einer weiteren Bewohnerin. Die jungen Frauen reden über Kontoeröffnung, Dispo und Alleinerziehendenzuschlag. „Jule ist für mich nicht nur eine Hilfseinrichtung, sondern eine Gemeinschaft“, sagt die 17-Jährige. Katharina Ludwig

Das Netzwerk Alleinerziehende Marzahn-Hellersdorf lädt an diesem Dienstag von 15 bis 18 Uhr zu einem Informationstag ins Kulturgut Marzahn (Alt Marzahn 23) ein. Weitere Infos im Internet unter www.netzwerk-alleinerziehende.net.

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