„What Berliners don’t say“ : Für einen Döner ist es nie zu früh

Bayerische Schnauze: Joab Nist sammelt Sätze, die kein Berliner sagt - dabei kommt er aus München! Vielleicht weiß er gerade deshalb, wovon er spricht.

Simon Grothe
Auf Recherche: Joab Nist.
Auf Recherche: Joab Nist.Foto: dpa

"Was hier im Kiez noch fehlt, ist ein Bio-Laden.“ Oder: „Ach wie nett, ein U-Bahn- Musikant.“ Selten gehört? Richtig, denn das sind Sätze, die ein Berliner nicht sagt. Jedenfalls meint das der Internet-Blog „What Berliners don’t say“, der solche Zitate sammelt. Berliner sein will gelernt sein, und deshalb wirkt die Sammlung auch ein wenig wie ein Lehrbuch mit dem Titel „Berliner Schnauze“. Die muss natürlich betont lässig sein. Sätze wie: „Ich krieg’ von ’nem Sterni Kopfschmerzen“ und „Es ist noch zu früh für’n Döner!“, sollte also möglichst vermeiden, wer nicht als Zugezogener entlarvt werden möchte. Doch Moment mal....Zugezogener?

Joab Nist muss grinsen, wenn er das sagt. Der Erfinder des Blogs kommt nämlich selbst aus München, spricht immerhin akzentfrei und kam vor zehn Jahren nach Berlin, um Kulturwissenschaften zu studieren. Der 31-Jährige trete ja selbst nach zehn Jahren immer mal wieder in sprachliche Fettnäpfchen. Viele der Sprüche seien ihm direkt eingefallen, als er nach Berlin zog. Seitdem sammelt er Dinge, die Berlin einzigartig machen.

Zum Entspannen ins Sommerbad Neukölln?

„Lass uns doch später ins Sommerbad Neukölln gehen, zum Entspannen und Schwimmen.“ Oder vielleicht ein Geheimtipp, wie: „Lass mal am Sonntag auf den Mauerpark Flohmarkt gehen.“ Solche Sätze, die er anfangs durchaus selbst hätte sagen können, bringen Nist heute zum Lachen. In München, wie in vielen anderen Städten auch, gab es schon einen ähnlichen Blog – allerdings gehen die Tabu-Sätze dort in eine ganz andere Richtung. „Ich kaufe eigentlich nur bei C&A und H&M, Markenklamotten bedeuten mir überhaupt nichts“, würden die Münchener nicht sagen. Und, als kleiner Seitenhieb nach Berlin: „München ist arm, aber sexy.“

München und Berlin sind nicht die einzigen. Im Internet finden sich hunderte Blogs mit Titeln wie „Dinge, die Betrunkene nicht sagen“, „Dinge, die Hogwarts Studenten nicht sagen“ oder „Dinge, die Bayern-Fans nicht sagen“. Was gefällt den Leuten an solchen Seiten? „Es bringt einen zum Schmunzeln, wenn man sich in manchen Klischees wiedererkennt“, sagt Joab Nist.

Gezettelt in Berlin
Es ist gar nicht so leicht, genderpolitisch korrekte Toiletten auszuweisen. Die Person mit dem halben Rock könnten Mann-zu-Frau-Transsexuelle als diskriminierend empfinden. Im Landesarbeitsgericht in Tiergarten will man dieses Schild nun gegen ein neutrales ersetzen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 1412Foto: Fatina Keilani
27.07.2017 10:25Es ist gar nicht so leicht, genderpolitisch korrekte Toiletten auszuweisen. Die Person mit dem halben Rock könnten...

Irgendwann seien die gängigen Klischees aufgebraucht. Während der Münchener Blog „Kein Bier vor Vier“ postet, findet sich auf der Berliner Variante: „Es ist noch viel zu früh für Alkohol.“ Um weiterhin neue Sätze bloggen zu können, schreibt er den Blog nicht allein, sondern wählt aus den Vorschlägen der Leser aus. So entstehe ein relativ objektives Bild einer Stadt, meint der Blogger, eine Bandbreite von „Mein Hund hat grad auf die Straße gekackt. Lass mich das sofort wegnehmen“ bis „Da steht ja ein Sessel auf der Straße! Meinst du, man kann den einfach mitnehmen?“

"Notes of berlin" als weiteres Projekt von Joab Nist

Immer mehr Blogs werden von den Lesern selbst geschrieben. So gibt es Online- Zeitungen, Foren und zahlreiche Blogs, die auf diese Weise funktionieren. Ebenso das zweite Projekt von Joab Nist, „Notes of Berlin“, ein weiterer Blog, dem mehr als 95.000 Facebook Nutzer folgen. Dort sammelt er Fotos von Notizzetteln an Ampeln, Häuserwänden und in Hausfluren. Zum Beispiel „Bitte keine Nahrungsmittel gegen die Wand schmeißen“ oder „Tausche Brautkleid gegen Kita-Platz“. Wer hat diese Zettel geschrieben? Was ist aus dem Brautkleid geworden? Darüber entsteht gerade ein Film. Im Juni brachte Joab Nist sein zweites Buch heraus – und natürlich handelt auch dieses von Berlin. „Wir duschen am liebsten nackt“ heißt es und sammelt skurrile WG-Anzeigen aus der Hauptstadt. „Berlin hält mich lebendig und inspiriert mich“, sagt Nist.

Mit „What Berliners don’t say“ wolle er aber keinen sprachlichen Hauptstadt-Kodex aufstellen, sondern die Leute vor allem zum Schmunzeln bringen. Denn wer hat sich nicht schon mal bei dem Satz ertappt: „Guck mal, da kifft einer!“ Oder im Kiez nach einem Bio-Laden gesucht...

Den Blog finden Sie unter: www.facebook.com/WhatBerlinersDontSay

Berlin skurril
Extravagante Mode und Grillwürstchen vertragen sich bestens, oder? Vielleicht ein neues Geschäftsmodell zur Fashion Week, scherzt Bernd Sprenger, der diese Aufnahme in der Tegeler Brunowstraße machte. "Übrigens: die Polnische Grillwurst schmeckt hervorragend", schreibt er.Weitere Bilder anzeigen
1 von 786Foto: Bernd Sprenger
06.07.2017 10:38Extravagante Mode und Grillwürstchen vertragen sich bestens, oder? Vielleicht ein neues Geschäftsmodell zur Fashion Week, scherzt...

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