Berlin : Wichtige Streicheleinheiten

Eine Köpenickerin bringt alten Menschen Nähe und Wärme: Sie macht Besuche bei Senioren im Heim – mit einem Kaninchen

Patricia Hecht

Die alte Dame fragt zum dritten Mal, wo denn nur das braune Kaninchen herkommt, das da auf ihrem Bett sitzt. Und Gabriele Gräbitz antwortet ihr zum dritten Mal und ebenso freundlich wie schon zuvor: „Das habe ich mitgebracht. Der Stall steht unten im Garten.“ Die alte Dame blickt nachdenklich in die Luft, eine Hand streichelt das Kaninchen. „So ist das meistens“, sagt Gabriele Gräbitz. „Für viele Menschen hier ist es jede Woche, als kämen wir zum ersten Mal.“

Gabriele Gräbitz engagiert sich ehrenamtlich im Köpenicker Seniorenpflegeheim Müggelschlößchenweg: Sie ist der „Kaninchenbesuchsdienst“. Jede Woche holt die 59-jährige ein Häschen aus dem Garten des Altenheims, setzt es in einen braunen Flechtkorb und macht ihre Runde auf Station Nummer sieben. Die Flure sind mit Linoleum in Rot-Orange ausgelegt, an manchen Stellen hängen Bilder oder stehen Blumen, es riecht nach Krankenhaus.

Hier werden unter anderem alte Menschen gepflegt, die an Demenz leiden, die verwirrt sind. „Zu einigen von ihnen dringt man kaum noch durch“, sagt Gabriele Gräbitz, „sie scheinen in einer entrückten Welt zu leben.“ Sie setzt ihnen das Kaninchen aufs Bett, Bärbel heißt es, und animiert dazu, es zu streicheln. „Wenn die Leute das Warme, Weiche wahrnehmen, habe ich schon das Gefühl, etwas erreicht zu haben.“

Es scheint nicht viel zu sein, was Gabriele Gräbitz erreicht: ein bisschen Kontakt mit einem kuscheligen Tier, das still auf dem Schoß der alten Menschen sitzen bleibt. Aber es bedeutet doch Zuwendung und eine Unterbrechung des immer gleichen Alltags auf der Station. Während ganz abwesend das Kaninchen gekrault wird, schafft es Gabriele Gräbitz manchmal, einen kleinen Wortwechsel herbeizuführen: über das Wetter, das Essen, die Familie. „Das Tier ist der Vermittler“, sagt sie.

Eineinhalb Jahre ist Gabriele Gräbitz nun schon als „Kaninchenbesuchsdienst“ unterwegs. In der DDR hat sie Wirtschaftswissenschaften studiert, heute arbeitet sie noch zweimal wöchentlich als Bürokraft. „Ich musste einfach noch was anderes machen“, sagt sie. „ Das Büro lastet mich nicht aus.“ Gabriele Gräbitz entschied sich für das Naheliegende: Sie ging zum Seniorenheim gegenüber ihrer Wohnung und fragte, ob es dort für sie etwas zu tun gibt.

Jeden Mittwoch ist seither Heimtag für sie. Manche der Bewohner brauchen lange, bis sie die Hand nach dem mitgebrachten Tierchen ausstrecken. Einige bewegen nur einen Finger, wenn Gräbitz ihnen das Kaninchen für eine Weile auf den Schoß setzt, andere wiederum sehen neugierig in den Korb, in dem sie das Tier umherträgt. „Mal reingreifen?“, fragt sie dann und lacht.

Sie kennt die Menschen im Heim mittlerweile und weiß, mit wem sie humorvoll umgehen kann. Bei manchen ist es schwieriger, sie schimpfen oder werden aggressiv, ein typisches Verhalten bei Demenzkranken. Doch auch dann geht sie wieder hin. „Die Leute verkümmern ja sonst seelisch“, sagt sie. „Die brauchen Zuwendung.“

Der „Kaninchenbesuchsdienst“ wird nicht Gabriele Gräbitz’ einzige ehrenamtliche Beschäftigung bleiben. „Ich habe mich herangetastet an den Hospizdienst“, sagt sie. Seit einigen Monaten belegt sie Kurse bei den Maltesern. Sie will lernen, sterbenden Menschen auf ihrem letzten Weg beizustehen. Man bekomme so viel zurück im Ehrenamt, sagt Gabriele Gräbitz; die Dankbarkeit, auch die der Angehörigen, sei groß. „Die Senioren hier fragen zwar immer wieder, wer ich bin. Aber wenn ich auch nur einmal nicht da war, daran erinnern sie sich.“

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