Berlin : Wickeln nach der Schule

Babysitten mit Zertifikat – Ein Modellprojekt will Arbeit für Mädchen aus Migrantenfamilien schaffen

Daniela Martens

„Es ist so schwierig, Babys richtig zu halten, vor allem beim Baden. Beim ersten Mal habe ich mich ganz unsicher gefühlt“, sagt die 18 Jahre alte Gymnasiastin Shikha. Mit einem lebensgroßen Plastikbaby hat sie geübt: ausziehen, baden, wickeln, anziehen und das richtige Tragen. Dass man immer das Köpfchen mit einer Hand festhalten muss und dass das Badewasser nicht wärmer als 37 Grad sein darf, hat sie bei Kinderkrankenschwester Stefanie Küttner im St. Joseph Krankenhaus gelernt.

Shikha und sechs andere Schönebergerinnen zwischen 13 und 19 Jahren – alle kommen aus Einwandererfamilien – lassen sich seit September zu Babysittern mit Zertifikat ausbilden. Einmal pro Woche gehen sie dazu ins Krankenhaus. Einen Erste-Hilfe-Kurs haben sie schon hinter sich. Sie haben gelernt, wie sie Kinder beschäftigen können und was man beim Füttern beachten muss. Organisiert wird der Lehrgang vom Mädchentreff Café Pink in Schöneberg, mit Unterstützung von Quartiersmanagement und Senat. Im Café Pink treffen sich die Mädchen ein zweites Mal in der Woche mit Projektleiterin Emel Öztürk, um über das Gelernte zu sprechen. Manchmal unternehmen sie auch etwas, besuchen beispielsweise ein Geburtshaus oder pro familia.

Dass Mädchen mit Migrationshintergrund als Babysitter arbeiten, ist nicht selbstverständlich: „Meine Eltern wollen nicht, dass ich für Familien arbeite, die sie nicht kennen“, berichtet die 19 Jahre alte Ahu, deren Eltern aus der Türkei stammen. Dabei ist sie schon erwachsen und wird im Pestalozzi-Fröbel–Haus zur Erzieherin ausgebildet. Um die Vorurteile der Eltern abzubauen, bezieht Emel Oztürk sie von Anfang an mit ein. „Es ist eine große Hilfe, dass ich mit den meisten von ihnen türkisch sprechen kann.“ Das baue Vertrauen auf. Die jüngste angehende Babysitterin, die 13-jährige Bahar, bringt sie nach jedem Kursabend nach Hause. Demnächst sollen sich die Eltern der zukünftigen Babysitter und die Eltern der Babys bei einem gemeinsamen Frühstück im Café Pink kennen lernen. Und es gibt viele zukünftige Arbeitgeber für Shikha und ihre Freundinnen. „Wir haben schon eine lange Liste angelegt“, sagt Emel Öztürk. Bis zum ersten Einsatz haben die Mädchen aber noch einiges vor sich: Ende Dezember endet der theoretische Teil mit einem Test, im Januar sollen sie sich bei einem Praktikum in einer Kindertagesstätte bewähren.

Doch nicht nur um den Umgang mit Kindern geht es bei dem Lehrgang: Selbstständigkeit, Eigenverantwortung, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sollen die Mädchen lernen. „Solche Eigenschaften brauchen sie, wenn sie sich in einer Ausbildung bewähren wollen“, sagt Öztürk. Anfangs sei das nicht für alle selbstverständlich gewesen, jetzt kämen sie immer pünktlich. Öztürk ist stolz auf ihre Mädchen: „Sie werden mit dem Lehrgang ganz schön in Anspruch genommen – und alle kommen freiwillig, zusätzlich zu Schule und Hausaufgaben.“ Eins möchte die 16-jährige Amani aber nicht zu oft freiwillig tun: „Hoffentlich muss ich als Babysitterin kein echtes Kind baden, die Puppe hat sich beim Üben ständig den Kopf gestoßen.“

Informationen zum Babysitterlehrgang und zum Café Pink gibt es unter der Telefonnummer 21996564

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