Berlin : Wider die Piraten in Bethanien

Die PDS-Bürgermeisterin und der Chef des Künstlerhauses wollen ein Kulturzentrum mit überregionaler Ausstrahlung Doch sie gewinnen keine Mehrheiten für ihren Plan. In der Debatte haben längst die Besetzer das Sagen

Werner van Bebber

Der Mann schimpft bühnenreif. Christoph Tannert, Mitte vierzig, Geschäftsführer des Künstlerhauses Bethanien, hat für die Besetzer nebenan serienweise böse Worte: Eine „piratenhafte Selbstermächtigung“ sei diese Besetzung! Keiner von denen trage wirklich etwas zum gesellschaftlichen Leben bei! Deren Pläne, Projekte, Ideen, das angebliche Kieznahe, vom Theaterstück „Biene Maya und der Faschismus“ bis zum „Essen für emanzipatorische Projekte“? Für Tannert ist das alles nichts. „Kreuzberg ist seit dreißig Jahren so alternativ, dass die uns gerade noch gefehlt haben!“ Seiner Meinung nach geht es den Besetzern auch weniger um den Kiez als um ihre Wohnlage. Hätten sie ihren Marx gelesen und mit der Wirklichkeit verglichen, dann wüssten sie: „Besetzung funktioniert nicht! Besetzung ist völlig schmarotzerhaft!“

So viel Zorn hat mehr als einen Grund: Tannert macht sich Sorgen um das Künstlerhaus. Seit einem Jahr geht es, wenn von „Bethanien“ die Rede ist, vor allem um die Besetzer und die Schwierigkeiten des Bezirksamts, mit ihnen umzugehen, aber kaum noch um den Kulturstandort am Mariannenplatz. Tannert spricht von der „Überformung des Images“ des Künstlerhauses. Platt gesagt: Die Einrichtung verliert Sponsoren – und auf die ist sie angewiesen.

Der zweite Grund für Tannerts Groll liegt darin, dass er keine Pläne machen kann. Dabei gab es gute Ideen. Als das Kreuzberger Sozialamt den Gebäudeflügel räumte, der heute besetzt ist, dachten Tannert und andere an eine Ausweitung des Künstlerhauses. Das besteht nicht bloß aus Ateliers und Ausstellungsräumen für Künstler aus der ganzen Welt. Es gibt auch den „Kunstraum Kreuzberg“ mit seinen Ausstellungen und die Musikschule. Diesen Kulturbetrieb, sagt Tannert, hätte man auf den Südflügel der früheren Krankenhausanlage ausdehnen können. Nicht als Kulturfabrik, sondern kleinteilig, mit Ateliers, Proberäumen, Musikstudios, Schnittwerkstätten. Das alles war laut Tannert gesprächsweise erörtert, es gab Interessenten – dann kamen die Besetzer.

Die streiten seit mehr als einem Jahr mit der Kreuzberger Politik um ihre Rechte an Bethanien – und sind damit weit gekommen. Anfangs dachte die Bezirksbürgermeisterin Cornelia Reinauer (PDS) noch an Räumung. Inzwischen ist davon keine Rede mehr. Die „Initiative Zukunft Bethanien“ verhandelt und hat Unterschriften für ein Bürgerbegehren gesammelt. Darin fordert sie, die Besetzung möglichst zu legalisieren, vor allem aber „ein offenes kulturelles künstlerisches, politisches und soziales Zentrum“ im Hauptgebäude von Bethanien.

Was immer damit gemeint ist. Bürgermeisterin Reinauer sagt dazu: „Soziokultur haben wir en masse in diesem Kiez.“ Auch sonst hält sie nichts davon, in Bethanien zu der alten, gar nicht mehr finanzierbaren Verbindung von Kultur und Projekt-Räumen zurückzukehren. Bloß hört im Kiez keiner auf die Bürgermeisterin. Fast hat man den Eindruck von einem Kreuzberger Generationskonflikt: Reinauer und Tannert als Pragmatiker der mittleren Generation – in die Zange genommen von jung-romantischen Sozialrevolutionären der „Initiative“ und deren rentennahen Großmüttern und -vätern vom Schlage des Grünen Christian Ströbele. Reinauer weiß um den „Mythos Bethanien“, der 1971 besetzungweise entstanden ist. Doch kann sie nicht verstehen, warum die Initiative so viel Zulauf hat, dass ihr Bürgerbegehren mit fast 5000 Unterschriften unterstützt worden ist: „Den Kiez hat die Diskussion vorher überhaupt nicht interessiert“, sagt sie.

Nun aber beherrschen Jung-Besetzer und Alt-Achtundsechziger die Debatte über die Zukunft von Bethanien – für Reinauer eine „irrwitzige Diskussion“. Und die Besetzer hätten „wunderbar gelernt, die Politik unter Druck zu setzen. Die Bürgermeisterin denkt – wie Tannert –, dass der Standort eine kulturelle Profilierung braucht. Langfristig könnte sich Bethanien „zum überbezirklichen Kunst- und Kulturstandort entwickeln“.

Die Chancen stehen nicht gut. Ende Juni soll die Initiative den Politikern ihre Vorstellungen darlegen. Anfang Juli will das Bezirksamt festgestellt haben, ob das Bürgerbegehren genug Unterzeichner hatte. Zwei Wochen vor den Wahlen, am 30. August, sollen die Bezirksverordneten entscheiden. Die Bürgermeisterin glaubt selbst nicht, dass ihre Idee sich durchsetzen wird – und Christoph Tannert weiß, warum: „Weil Kreuzberg eben Kreuzberg ist.“

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