Berlin : Wider die vergessliche Republik

Die „Allee der Demokraten“ ist ein Projekt für den bewussteren Umgang mit der Geschichte / Von Peter Strieder

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Jede Zeit hatte ihre Art und Weise, für sie wichtige Persönlichkeiten zu ehren. Kaiser, Könige und Feldherrn konnten schon immer mit gebauter Erinnerung rechnen, später kamen manche Gelehrte, schließlich hin und wieder Künstler hinzu. Die Demokratie thematisiert zwar auch auf vielfältige Weise ihre eigene Geschichte, der Beitrag des Einzelnen reicht aber – wenn es hoch kommt – für eine UBahn-Station oder eine Straßenbenennung. Wir laufen Gefahr, vergesslich zu werden, was die Leistungen vieler Menschen in unserem Land angeht. Mit dieser Vergesslichkeit verliert sich auch ein Erinnern an das, um was es bei der Auseinandersetzung über ein demokratisches Miteinander geht. Daher ist es nicht unerheblich, auf welche Weise die Gesellschaft heute ihre Erinnerung an diejenigen im Stadtbild erhält, die sich – oft auf ganz unspektakuläre Weise – um unsere demokratische Verfasstheit verdient gemacht haben. Wer will, der wird viele Spuren verdienter Demokraten in unserer Stadt finden. Aber im Alltagsbewusstsein bleiben sie ausgespart. Hier haben wir einen Nachholbedarf. Das zeigt sich nicht zuletzt an der Debatte um eine nachträgliche zusätzliche Ehrung für Ernst Reuter.

Was wissen wir heute noch von dem in Berlin geborenen Fritz Erler, dem späteren Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion? Fritz Erler war in der jungen Bundesrepublik ein Veränderer und Reformer. Er hatte wesentlichen Anteil an dem Godesberger Programm der SPD von 1959 und war Wegbereiter der ersten Großen Koalition in der Bundesrepublik. Wer weiß heute noch, wer Andreas Hermes war? Noch im Januar 1945 vom Volksgerichtshof unter Freisler zum Tode verurteilt, war er maßgeblich an der Gründung der „Demokratischen Union“, des Berliner Vorläufers der CDU, beteiligt und Mitglied des ersten Berliner Magistrats. Sein Einfluss hat in den Anfängen der CDU wichtige Impulse gegeben.

Der Name Petra Kelly, eine der Wegbereiterinnen der Grünen in der Bundesrepublik, taucht hin und wieder dann auf, wenn in den Medien über ihren tragischen Tod gemutmaßt wird. Wird ihre Leistung für unser heutiges Verständnis von Politik und Gesellschaft angemessen gewürdigt? Und wer weiß, dass der erste Bundespräsident Theodor Heuss auch als liberaler Bezirkspoliker in Schöneberg wirkte? Es gibt viele Namen, deren Aufnahme in eine „Allee der Demokraten“ bedacht werden sollte: Heinrich Albertz, Rudi Dutschke, Robert Havemann, Heinz Galinski, Martin Niemöller, Marie Schlei, Louise Schroeder, um nur ganz wenige zu nennen.

Wer zu ehren sei – ein weites Feld. Möglichst viele sollten sich daran beteiligen, Vorschläge zu unterbreiten und sie zu begründen. Eine wichtige Rolle sollte dabei die politische oder gesellschaftliche Aktivität der Persönlichkeit im Sinne der demokratischen Gesellschaft sein.

Eine Ehrung kann dabei viele Formen annehmen. „Allee der Demokraten“ ist ein Arbeitstitel für das Projekt. Darunter ist keineswegs eine Allee im Sinne einer Straße, schon gar nicht einer neuen „Puppenallee“ zu verstehen. Vielmehr geht es um ein Band, eine Route, die sich quer durch die Hauptstadt zieht und Personen und ihre Beiträge zum demokratischen Zusammenleben in jeweils angemessener Weise dokumentiert.

Die „Allee der Demokraten“ müsste dabei auch die bereits vorhandenen Erinnerungsorte großer Demokratinnen und Demokraten aufnehmen. Die „Allee der Demokraten“ wäre damit auch schnell als Demokratie-Projekt erfahrbar, weil Orte wie der Deutsche Bundestag, der Bundesrat, das Berliner Abgeordnetenhaus oder das Rathaus Schöneberg eng mit dem Wirken vieler zu gedenkender Personen verbunden sind. Wenn in der deutschen Hauptstadt das Projekt einer „Allee der Demokraten“ angegangen wird, so ist damit nicht gesagt, dass Erinnerung eine besondere „Berliner“ Aufgabe ist. Es ist eine Frage, über die man ebenso in München, Frankfurt, Schwerin nachdenken muss. Wenn allerdings in Berlin über Demokratie nachgedacht wird und über die Beiträge, die viele dazu in der Geschichte geleistet haben, dann mit dem Anspruch, die Hauptstadt als einen Teil der ganzen Republik abzubilden.

Das Projekt einer „Allee der Demokraten“ bedarf einer gründlichen Diskussion. Und seine Realisierung wird auch nicht ohne den Einsatz finanzieller Mittel möglich sein. Wer aber jetzt meint, die Kosten seien ein Argument, Geschichte „liegen zu lassen“, der darf sich nicht beklagen, wenn sich der Kampf um unsere demokratische Gesellschaft zunehmend verflüchtigt. Das Ziel ist, die Geschichte in Erinnerung zu behalten. Dabei muss über Gestalt und Name und über die zu Ehrenden wohl gestritten werden. Doch vor dem Streit sollte man keine Angst haben. Im Gegenteil: Schon die Auseinandersetzung ist eine Chance, über das Leben und Wirken der vielen Personen und Persönlichkeiten Geschichte neu zu begreifen.

Der Autor ist Landesvorsitzender der Berliner SPD und Senator für Bauen, Verkehr und Stadtentwicklung . Foto: Thilo Rückeis

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