Widerstand in der NS-Zeit : Maler, Bohemien, Fluchthelfer

Als "Volksschädling" wurde der Maler Franz Heckendorf im März 1944 von den Nazis verurteilt - mit seiner Hilfe konnten sich 18 Berliner Juden retten.

Winfried Meyer
Franz Heckendorf,  "Sonnenuntergang an der Havel" (1925)
Franz Heckendorf, "Sonnenuntergang an der Havel" (1925)Foto: Galerie Mutter Fourage

"Ich lebe und habe die Hoffnung, dass die Sonne der Freiheit noch einmal für mich scheinen wird." Geradezu erlöst schreibt Franz Heckendorf am 26. Mai 1944 aus dem Landgerichtsgefängnis Waldshut an seine Lebensgefährtin und seinen 19-jährigen Sohn. Wenige Tage zuvor hat das in Waldshut tagende Sondergericht Freiburg den Berliner Maler wegen "Judenschmuggels" als "Volksschädling" zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Heckendorf ist trotzdem erleichtert. Der Staatsanwalt hatte die Todesstrafe verlangt, das auch lange vorher angekündigt. Der als "Blutrichter" berüchtigte Vorsitzende folgte dem Antrag nur deswegen nicht, weil er in Heckendorf den Handlanger einer nur in seiner Fantasie existierenden Organisation "jüdischer Hintermänner" hat sehen wollen, ihm außerdem seine "impulsive, sprunghafte Natur" und das "nicht zu verkennende Künstlertum" zugute gehalten hat. Das war knapp, denn einer wie er steht bei den Nazis immer unter Verdacht, als Künstler "entartet" zu sein.

Die Verhältnisse, aus denen Franz Heckendorf stammt, waren gutbürgerlich und weniger sprunghaft. Geboren wurde er 1888 als Sohn eines Architekten im späteren Berliner Stadtteil Lichterfelde. Das Studium der Malerei an der Königlichen Akademischen Hochschule für die Bildenden Künste zu Berlin betreibt er eher lustlos. Sein künstlerisches Rüstzeug erwirbt er in der Malschule von Lovis Corinth. Erstes Aufsehen als Vertreter einer "Jungen Kunst" erregt er in der Schlussphase des Ersten Weltkrieges mit expressiv-farbigen Bildern südlicher Landschaften, die er als Flieger auf dem Balkan und im Nahen Osten kennengelernt hat. Nach dem Krieg veröffentlicht er illustrierte Reisereportagen, etwa in der Zeitschrift "Sport im Bild", bei der sein Freund Erich Maria Remarque arbeitet. Nachdem ihm schon 1918 die Kestner-Gesellschaft in Hannover eine Einzelausstellung gewidmet hat, kann er in den renommiertesten Galerien ausstellen, so im Herbst 1923 in der auf die Moderne spezialisierten Kunsthandlung Fritz Gurlitt in der Potsdamer Straße 113 - betrieben von einem Mitglied der Familie Gurlitt, deren Nachkomme Cornelius mit seiner Sammlung heute die Staatsanwaltschaft beschäftigt.

Der Maler der Weimarer Republik

Heckendorf wird Ende der 20er Jahre je nach Standpunkt als "Maler der Republik" gepriesen oder als "Hofmaler" angefeindet. Seine Bilder werden von demokratischen Politikern der Weimarer Republik wie Matthias Erzberger oder Walther Rathenau geschätzt und gekauft. Heckendorf malt wichtige republikanische Ereignisse wie die Verfassungsfeier 1929. Innenminister Severing lässt das Gemälde ankaufen, es befindet sich heute im Fundus der Nationalgalerie. Als einer von acht Künstlern wird Heckendorf vom Reichskunstwart Edwin Redslob, dem späteren Mitbegründer des Tagesspiegel, eingeladen, das Staatsbegräbnis für Außenminister Gustav Stresemann am 6. Oktober 1929 künstlerisch zu dokumentieren.

Weniger staatstragend ist der Auftritt Heckendorfs vor dem Potsdamer Landgericht im August 1931. Gemeinsam mit seinem Bruder Walter muss er sich für den Diebstahl der Skulptur "Junge Frau" von Georg Kolbe aus dem Vorgarten eines Bankiers in Wannsee verantworten. Der Zeugenaufmarsch der Berliner Künstlerprominenz macht Schlagzeilen. Georg Kolbe selbst und vor allem Eugen Spiro, der Vorsitzende der Berliner Sezession, bescheinigen Heckendorf, "immer ein wilder Junge" gewesen zu sein, der "an seinen dummen Streichen eine fast sportliche Freude" habe. Nachdem alle Zeugen "lobend von seiner Kollegialität, seiner Gutmütigkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft" gesprochen haben, erklärt auch die Presse den Diebstahl mit einer "Cognac-Laune des Malers Heckendorf", zeigt sogar Verständnis für seine finanziellen Probleme: "Er besitzt ein Auto, ist großzügig in seinem Lebensstil, und dies nicht nur für sich selbst. Da sorgt er für seine geschiedene Frau, sein Kind, da gibt es Freunde in der Bohème, die schnell etwas borgen und das Wiedergeben ebenso schnell vergessen." Er kommt mit einer Bewährungsstrafe davon.

Nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft betreibt Heckendorf mit seiner Lebensgefährtin Hilda Kosmack deren Villa in Altruppin als Hotel und Restaurant "Schloss am Molchowsee". Das wird schnell zum Treffpunkt der Berliner Prominenz, darunter der Flieger Hans Bertram, die Schauspielerin Gisela Uhlen, der Regisseur Frank Wysbar. 1933 beargwöhnen die Nationalsozialisten das Haus als "Absteigequartier für Juden, fremde Diplomaten und ausländische Journalisten". Hitler selbst ist an dem Anwesen interessiert, es muss schließlich verkauft werden, eine Führerschule der Hitlerjugend wird darin eingerichtet. Der "Völkische Beobachter" der Nationalsozialisten hat den Künstler und Bohemien Heckendorf schon früh im Visier, verunglimpft ihn als "Liebling der sogenannten Gesellschaft". Im August 1937 werden im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" Heckendorfs Bilder aus den Museen entfernt. Wegen seiner fortgesetzten Weigerung, seine "arische Abstammung" zu belegen, schließt ihn die Reichskammer der Bildenden Künste 1940 als Mitglied aus. Sie untersagt ihm sogar "jede berufliche - auch nebenberufliche - Tätigkeit auf dem Gebiete der Bildenden Kunst".

Beim Prozess um den Diebstahl der Kolbe-Skulptur erschien in der "Welt am Abend" (7. August 1931) diese Zeichnung mit den beiden Angeklagten.
Beim Prozess um den Diebstahl der Kolbe-Skulptur erschien in der "Welt am Abend" (7. August 1931) diese Zeichnung mit den beiden...Foto: Galerie Mutter Fourage

Heckendorf eröffnet mit dem Niederländer Josef Lebens einen kleinen Laden in der Passauer Straße 4 am Wittenbergplatz. Lebens verkauft dort Teppiche, Heckendorf unter der Hand eigene Bilder und andere "entartete Kunst". In diesem Laden lernt er 1941 den Kellner Otto Altenburger kennen, der im nahe gelegenen "Neva-Grill" arbeitet. Altenburger stammt aus Altenburg an der Schweizer Grenze, wo sein Bruder Karl, ein ehemaliger Radrennfahrer, eine Fabrik zur Herstellung einer von ihm erfundenen Fahrradbremse betreibt. Heckendorf besucht ihn unter dem Vorwand, Landschaftsstudien am Rhein machen zu wollen. Tatsächlich sucht er einen Fluchtweg für das jüdische Ehepaar Kurt und Hilda Schüler. Er kennt die beiden aus Kindertagen, sie haben ihn später durch den Kauf zahlreicher Bilder als Mäzene unterstützt. Nachdem sie mit von Heckendorf gefälschten Kennkarten das Grenzgebiet erreicht haben, gelingt ihnen die Flucht aus einem deutschen Zug, der über Schaffhausen Schweizer Gebiet durchquert. In einem im Juli 1942 anonym in der deutsch-jüdischen New Yorker Wochenschrift "Aufbau" erschienenen Bericht über ihre Flucht weist Kurt Schüler versteckt auf die Hilfe Heckendorfs hin: "Das Wort ‚Wohltun bringt Zinsen‘ hat sich bei uns bewahrheitet. Ein Mann, dem wir vor vielen Jahren halfen und von dem wir lange nichts hörten, tauchte auf und erklärte, dass er - trotz der Lebensgefahr für ihn - glaube, dass jetzt die Zeit gekommen sei, sich dankbar zu erweisen."

Die Gestapo verhindert weitere Fluchtversuche über den Bahnhof Schaffhausen durch verstärkte Zugkontrollen. Bei einem erneuten Besuch in Altenburg findet Heckendorf aber in dem Wirt der dortigen Bahnhofsgaststätte jemanden, der gegen Bezahlung bereit ist, Flüchtlinge über die Grenze zu schleusen. Mit Hilfe Heckendorfs können sich Curt von Bleichröder, ein Enkel des Bismarck-Bankiers Gerson Bleichröder, und Hans Adler, der nebenberuflich die Buchhaltung mehrerer Berliner Galerien und Antiquariate erledigt hat, in Sicherheit bringen. Die erfolgreichen Fluchten sprechen sich bei im Untergrund lebenden Berliner Juden herum. Immer häufiger suchen Bedrohte Heckendorfs kleinen Laden am Wittenbergplatz auf. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Heckendorf unentgeltlich die Flucht jüdischer Bekannter und Freunde organisiert hat, verlangen er und sein Geschäftspartner Lebens nun allerdings Honorar, nicht nur für den Grenzführer, sondern auch für die Fälschung von Kennkarten und den Ankauf von Blankoformularen bei einem korrupten Polizeibeamten. Gegen die Zahlung teilweise beträchtlicher Geldbeträge können mit Heckendorfs Hilfe zwischen Mitte Oktober 1942 und Mitte Februar 1943 13 weitere Berliner Juden ins schweizerische Schaffhausen fliehen. Heckendorf investiert den Großteil der Honorare in den Kauf eines amerikanischen Buick. Kriegsbedingt bekommt er für das Cabriolet weder Benzin noch die fehlenden Reifen. Dem Autonarren ist das egal.

Verurteilt wegen "Judenschmuggels"

Heckendorf ist aber nach wie vor auch bereit, ihm gänzlich unbekannten Juden ohne jegliche Gegenleistung zu helfen. Im Nachtexpress Berlin-München kommt er Mitte Februar 1943 mit dem 18-jährigen Werner Bab ins Gespräch. Bab ist Jude und mit einem gefälschten Ausweis als SS-Filmberichterstatter auf dem Weg nach München, um nach einer Fluchtmöglichkeit aus Deutschland zu suchen. Heckendorf beschreibt dem jungen Mann den Fluchtweg über Altenburg, wo er sich an den Bahnhofswirt wenden soll. Dort ist inzwischen die Schweizer Grenzwacht auf die Häufung der Grenzübertritte aufmerksam geworden. In einer Meldung an den Kommandanten in Schaffhausen wird darauf hingewiesen, dass alle Flüchtlinge aus Berlin kämen. Vermutet wird eine Organisation, bei der ein deutscher Grenzbeamter und ein Ortsansässiger aus Altenburg mitwirken. Offensichtlich geht der Hinweis auch an die deutschen Behörden. Die verstärken die Postenkette. Am 18. Februar gerät Werner Bab ins Scheinwerferlicht einer deutschen Motorradpatrouille. Der junge Mann wird für eine Nacht im Spritzenhaus von Altenburg eingesperrt und dann zur Gestapo in Waldshut gebracht, wo sich schnell herausstellt, dass sein SS-Presseausweis mit einem Kartoffelstempel hergestellt worden ist. Wenig später nimmt die Gestapo auch den Bahnhofswirt Wilhelm Martin und Karl Altenburger fest. Ihre Aussagen führen schnell zu Heckendorf, der am 24. Februar 1943 verhaftet und nach Waldshut gebracht wird. Nach ebenso langwierigen wie ergebnislosen Nachforschungen der Gestapo zu ihren vermuteten "jüdischen Hintermännern" werden Franz Heckendorf, Josef Lebens, Otto Altenburger und Wilhelm Martin vor dem Sondergericht Freiburg i. Br. angeklagt und zwei Tage später, am 14. März 1944, wegen "Judenschmuggels" zu hohen Zuchthaus- und empfindlichen Geldstrafen verurteilt.

Der Maler Franz Heckendorf (1888 - 1962)
Franz Heckendorf, "Gartenlokal am Wannsee" (1924)
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1 von 9Foto: Galerie Mutter Fourage
03.01.2016 17:40Franz Heckendorf, "Gartenlokal am Wannsee" (1924)

Als "Volksschädling" wird Heckendorf in das Zuchthaus Ensisheim im Elsass gebracht, vom Reichsjustizministerium vorgesehen für "asoziale Gefangene", die mit "außergewöhnlich schweren, gesundheitsschädlichen oder gefährlichen Arbeiten" beschäftigt werden sollen, so dass sie "vermutlich schon nach kurzer Zeit aus den angeführten Gründen eingehen". Heckendorf erlebt dieses Zuchthaus, dessen Gefangene in den umliegenden Bergwerken in etwa 1000 Metern Tiefe bei einer Hitze von 40 bis 50 Grad in ständig gebückter Haltung und mit primitiven Gerätschaften Kalisalze abbauen müssen, als "eine Welt des Grauens". Nachdem er todkrank auf die Krankenstation eingeliefert worden ist, erreicht eine Pflegerin - für Heckendorf "der Engel von Ensisheim" -, dass er beauftragt wird, die Zuchthauskirche zu renovieren und mit Wandmalereien zu schmücken. Lebensmut bezieht Heckendorf während der Haft vor allem daraus, dass er zeichnet und malt, wegen der Materialknappheit auf winzigen Zetteln und nur bei Auftragsarbeiten für das Wachpersonal auch in größeren Formaten. Während er in der Untersuchungshaft in Waldshut vor allem das sich beim Blick aus dem Zellenfenster präsentierende Rheintal gemalt und aus der Erinnerung frühere Arbeiten kopiert hat, ändern sich seine Sujets in Ensisheim: "Ich staune nur als Künstler, der ganze Menschheitsjammer packt mich an!", schreibt er in dem einzigen nach der Einlieferung gestatteten Brief aus dem Zuchthaus Ensisheim. In den wenigen dort und an den späteren Haftstationen entstandenen Arbeiten versucht er, die Geschehnisse in der Haft zeichnerisch zu dokumentieren. Gleichzeitig träumt er von künstlerischer Arbeit in der Zukunft: "Frei vom Konventionellen, selbständig in der Auffassung, reich an Harmonie und stark im Farbenakkord werden meine von der Seele durchdrungenen Bilder sein, die ich malen werde, wenn die Sonne der Freiheit wieder für mich scheinen wird."

Remarque plant einen Heckendorf-Roman

Als das Zuchthaus Ensisheim im September 1944 wegen des Vormarsches der Alliierten evakuiert wird, wird Heckendorf in das "Arbeitshaus Kaltenstein" in Vaihingen/Enz verlegt. Als Folge der Arbeit und der unzureichenden Ernährung sterben 1944 von den 600 Gefangenen dort 103 und in den ersten drei Monaten des Jahres 1945 noch einmal 68. Vier Tage vor der Ankunft französischer Truppen werden 290 Häftlinge, unter ihnen Heckendorf, nach Ulm in Marsch gesetzt und weiter ins Konzentrationslager Mauthausen bei Linz. Erst da erlebt er ebenso wie Werner Bab, der in Auschwitz inhaftiert und nach dessen Evakuierung in das Mauthausener Außenlager Ebensee verschleppt worden ist, Anfang Mai 1945 die Befreiung durch US-Truppen. Österreichische Mithäftlinge nehmen Heckendorf zunächst nach Wien mit. Pläne, seine in der Haft entstandenen Arbeiten in einer Ausstellung deutscher Exilkunst in Zürich zu zeigen, scheitern. Heckendorf schlägt sich in Salzburg mit Malunterricht für amerikanische Soldaten durch und bessert seine Einkünfte durch den Schmuggel von Zucker zwischen Deutschland und Österreich auf, was ihm einige Wochen Haft einbringt. Im Sommer 1949 schließlich lässt er sich in München nieder, wo er sich selbst eine Ausstellung unter dem Titel "Triumph der Farbe" organisiert. Aber seine Hoffnung, an die erfolgreiche Berliner Zeit der frühen 20er Jahre anknüpfen zu können, erfüllt sich nicht. Immerhin will sein Freund Erich Maria Remarque seine Lebensgeschichte und vor allem seine Fluchthilfe für Juden in einem Roman verarbeiten. Doch bevor der Schriftsteller damit beginnen kann, stirbt Heckendorf am 17. August 1962. Den einzigen ausführlichen Nachruf widmet ihm fünf Tage später der Tagesspiegel, in dem die Berliner Kunsthistorikerin Irmgard Wirth, die kürzlich verstorbene Gründungsdirektorin des Berlin-Museums, unter der Überschrift "Ekstase der Verwandlung" Heckendorfs Werk würdigt: als "eine expressionistische Malerei mit Anklängen an Vergangenes, aber mit der schöpferischen Kraft der einmaligen und eindeutigen Verwandlung".