Berlin : Widerstand war Ehrensache

Grimme-Preisträger Jo Baier beginnt heute mit den Dreharbeiten zum ARD-Projekt „Stauffenberg“

Andreas Conrad

„Opfernd Euer heißes Leben / Für Freiheit / Recht und Ehre“. Gerade noch hat die Touristengruppe im Hof des Bendlerblocks den Erläuterungen über die hier hingerichteten Verschwörer des 20. Juli 1944 gelauscht, wohl auch die Worte auf der im Pflaster eingelassenen Gedenktafel studiert. Das Rudel wartender Fotografen wurde gelassen zur Kenntnis genommen, man ist halt in Berlin. Aber dann betritt eine neue Gruppe den Hof, in der Mitte zwei Uniformierte, und da werden die Hälse dann doch länger und die Augen größer. Ist das nicht … mit der Wehrmachtsuniform, der schwarzen Augenklappe, dem verstümmelten rechten Arm … kein Zweifel: Soeben hat Claus Schenk Graf von Stauffenberg den Hof betreten, ihm zur Seite goldbetresst Generalmajor Henning von Tresckow. An sich sollten auch noch Adolf Hitler und Joseph Goebbels dabei sein, aber hier hatte man ein Einsehen und hat die beiden vom Fototermin verbannt: „aus Respekt vor den Widerständlern“.

Im nächsten Sommer jährt sich zum 60. Mal das Attentat auf Hitler. Die ARD bereitet sich darauf mit einem Großprojekt vor, zu dem heute in Berlin die Dreharbeiten beginnen: „Stauffenberg“. Federführend ist der SWR, produziert wird der Film von Nico Hofmanns Firma teamWorx, die schon den Mauerstoff „Der Tunnel“ oder die Oetker-Entführung („Der Tanz mit dem Teufel“) ins Fernsehen brachte. Drehbuchautor und Regisseur ist der mehrfache Grimme-Preisträger Jo Baier, als Stauffenberg ist Sebastian Koch dabei, Ulrich Tukur spielt seinen Mentor von Tresckow. Als Hitler tritt Udo Schenk auf, den Goebbels gibt Olli Dietrich.

Viele Filme hat es zu diesem Stoff schon gegeben, der letzte, erzählt Baier, liege rund 30 Jahre zurück. Aber einige Szenen habe man noch nie gezeigt, das eigentliche Attentat in der Wolfsschanze beispielsweise, Lücken, die Baier schließen will, und so authentisch wie möglich. „Ich bin jemand, der nicht nur historisch, sondern insgesamt sehr genau ist,“ empfiehlt sich der Regisseur. Eine Liebesgeschichte reinmogeln? Nicht mit ihm. Es ist auch gar nicht nötig: „Der Tag des Attentats ist so spannend wie ein Krimi.“

Er hat sich gut vorbereitet, ist eigens zu den Ruinen des ehemaligen Führerhauptquartiers nach Polen gefahren. Für den Film soll es in einer alten Russenkaserne bei Altes Lager, nahe Jüterbog, wieder entstehen, etwa da, wo es unlängst im Wald gebrannt hat. Fast wäre das gewünschte Filmmotiv in Flammen aufgegangen. Gegen Ende der 34 Drehtage geht es nach Spanien, wo die Verwundung Stauffenbergs in Nordafrika gedreht wird.

Der Versuch, mit den Stauffenbergs Kontakt aufzunehmen, gelang erst über Vermittlung einer ebenfalls adligen Familie. Viel wollte Sebastian Koch darüber nicht erzählen, er habe der Witwe Diskretion zugesichert. Aber der Besuch in der Familie muss ihn doch beeindruckt haben, allein weil er sehen konnte, wie sie in der Familie miteinander umgehen, und er fühlte, wie sie die anfängliche Distanz aufgaben, Vertrauen fassten, dass er sich wirklich mit Stauffenberg beschäftige. Historische Figuren zu spielen empfindet er nicht als Einengung, im Gegenteil. Allzu oft werde in Deutschland nach Typen besetzt, da gebe ihm die historische Figur die Möglichkeit, sich einen fremden Charakter anzueignen.

Noch einmal wird Koch mit Baier und dem Team in die Stauffenbergstraße zurückkehren. Die Szenen im Gebäudeinneren entstehen in einem Kölner Studio. Die Hinrichtung aber wird gedreht, wo sie in der Nacht zum 21. Juli 1944 stattfand: im Hof des Bendlerblocks.

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