Berlin : Wie das Parlament die Fassung verlor

Brigitte Grunert

Etliche Berliner Ehrenbürger müssen sich im Grabe umdrehen, einigen Höchstlebendigen die Ohren klingen. Im Eifer des Gefechts um die höchste Ehrung oder Nichtehrung für Nikolaj Bersarin merkten die Abgeordneten am Donnerstag zu später Stunde wohl gar nicht, wie sie einen nach dem anderen durchhechelten. Was aber den ersten sowjetischen Stadtkommandanten betrifft, so wird die Ehrungsfrage im Kulturausschuss verschrottet, denn Eberhard Diepgen und die CDU wollen nicht.

Der Disput über all die Kinder ihrer Zeit hatte komische Züge. Der Grüne Michael Cramer ließ den "Antifaschisten" Theodor Heuss aufmarschieren, der für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat. Und Otto von Bismarck, "Kind des Wilhelminismus", antidemokratisch, Sozialistengesetze. Und Michael Gorbatschow, "Kind des Stalinismus und der Sowjetunion". Und Helmut Kohl, "Grenzgänger zwischen organisiertem Lobbyismus und organisierter Kriminalität". Lauter, aber doch dosierter Protest bei der CDU. Macht nichts. Cramer wollte ja die Verdienste all dieser Ehrenbürger um die zweimalige deutsche Einheit und die Demokratie nicht schmälern, sondern bloß mal die "Gesamtvita" betrachten, weil ja Uwe Lehmann-Brauns (CDU) Bersarin ein "Kind des Stalinismus" nannte. Leider schon 55 Jahre tot, so dass die CDU nicht wissen kann, ob er sich gewandelt hätte wie Gorbatschow.

Auch Gesine Lötzsch von der PDS und Irana Rusta von der SPD konnten Bersarin nur das Beste nachsagen. Also möge der Senat seinen Fehler von 1992 korrigieren und den Generaloberst wieder in den Kreis der Ehrenbürger aufnehmen, zu dem er seit 1975 im Osten zählte. Irana Rusta rief zwei Ehrenbürger als Kronzeugen für die guten Taten Bersarins einschließlich Religionsunterricht (schadenfrohes Gelächter von links gegen die CDU) an - den evangelischen Bischof Otto Dibelius und Propst Heinrich Grüber.

CDU-Fraktionschef Klaus Landowsky war nicht in Bestform. Er zeigte der PDS-Frau einen Vogel, worauf sie "kulturlos!" fauchte. Die Lötzsch-Bemerkung, dass Gerhard Schröder als ersten Kanzler den 8. Mai den Tag der Befreiung nannte, ärgerte ihn obendrein. Erregt stieg er in die Bütt. Nichts von sowjetischer Eroberung Berlins, sondern: "Dass die Alliierten und auch die Russen Berlin befreit haben, ist ein Satz von Richard von Weizsäcker!" Ja, als Bundespräsident 1985, ebenfalls Ehrenbürger, und einer von der CDU. Vor allem hielt Landowsky die Fahne der Sittlichkeit hoch: "In Anbetracht der Vergewaltigungen deutscher Frauen ist es würdelos, die Ereignisse (von 1945) zu glorifizieren!" Es war ein merkwürdiges Geschichtsstündchen.Weiteres zum Thema unter www.meinberlin.de/bersarin

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