Berlin : Wie der Berliner Künstler Harald Haacke ein Königsberger Denkmal rekonstruiert hat

Andreas Conrad

Auch Künstler haben es gerne bequem, wer wollte es ihnen verdenken. Und so besann sich Christian Daniel Rauch, als ihm einst ein Denkmal Immanuel Kants angetragen wurde, dass er den großen Philosophen schon einmal in Bronze gegossen hatte. In freilich handlichem Format, als Nebenfigur zum Reiterstandbild des Alten Fritz Unter den Linden. Dort unterhielt sich ein nicht minder berühmter Dichter mit dem Denker: Gotthold Ephraim Lessing tauschte mit Herrn Kant eherne Gedanken aus. Die als Sockelbeiwerk gedachte Figur musste also für den Auftrag den Anforderungen einer Freifigur angepasst werden. Diese sollte in Königsberg aufgestellt werden.

Damit hat Rauch sich selbst wie auch Kant einen damals noch nicht abschätzbaren Dienst erwiesen. Denn als der Berliner Bildhauer Harald Haacke Anfang 1991 daran ging, das im Krieg verschwundene Standbild des Philosophen in Königsberg zur erneuten Aufstellung vor der dortigen Universität zu rekonstruieren, da half ihm der kleine Kant aus Berlin erheblich weiter. Kaum jemals hatte der Gelehrte zu Lebzeiten seine Vaterstadt verlassen, und nach Berlin hat es ihn schon gar nicht verschlagen. Aber ohne hiesiges künstlerisches und handwerkliches Geschick müsste Königsberg wohl noch immer auf seinen Kant verzichten, schon daher ist es nur logisch, das der IX. Internationale Kant-Kongreß derzeit in Berlin stattfindet.

Hamburg wäre auch passend gewesen, dort wohnt schließlich Marion Gräfin Dönhoff, Herausgeberin der "Zeit" und eigentliche Initiatorin von Kants bronzener Wiedergeburt. Am 18. Oktober 1864 war dessen Bildnis in Königsberg aufgestellt worden, 80 Jahre hatte es dort seine Ruhe, dann stand die Rote Armee vor den Toren. Der Kunstwart der Stadt wandte sich hilfesuchend an die Gräfin, die die Statue zu deren Schutz im Park ihres Schlosses in Friedrichstein, östlich von Königsberg, aufstellen ließ - ein vergeblicher Rettungsversuch. Bei der Flucht der Gräfin gen Westen blieb Kant zurück und ging in den folgenden Monaten verloren.

Sie habe sich noch immer für das Standbild verantwortlich gefühlt, erzählte Kants Schutzpatronin noch Jahrzehnte später. Erste Gelegenheit, dieser Rolle erneut zu genügen, bot ihr Martin Sperlich, ehemals Direktor der Berliner Schlösser und Gärten und ebenfalls aus dem Königsberger Raum stammend. Bei der Suche nach dem Original und alten Zeichnungen war er in der Charlottenburger Gipsformerei der Staatlichen Museen auf eine Statuette gestoßen, eine Fingerübung Rauchs, die mit der späteren, überlebensgroßen Figur aber weitgehend identisch war. Auf eigene Kosten ließ Gräfin Dönhoff einen Bronzeabguß anfertigen, den sie 1989 als Geschenk nach Königsberg brachte, auf einer abenteuerlichen Fahrt in der Ente ihres Neffen. Der Mini-Kant fand in einem dem Philosophen gewidmeten Museum Platz.

Doch auch auf die Maxi-Version sollte dessen Geburtsstadt nicht länger verzichten müssen. Gräfin und "Zeit" regten eine Spendenaktion an, und auf Empfehlung Sperlichs wurde mit Harald Haacke ein Künstler gefunden, der gerade mit der Rekonstruktion verschollener Plastiken viel Erfahrung hatte. Memel hat ihm ein neues "Ännchen von Tharau" zu verdanken, Berlin Kolbes Rathenau-Denkmal, die von den Nazis zerstörte "Steuerschraube" im Volkspark Rehberge, das Gänselliesel vom Nikolsburger Platz oder auch die vergrößerte Kollwitz-"Pietà" in der Neuen Wache Unter den Linden.

Punkt für Punkt wurde die Statuette von Haacke um das Fünffache vergrößert und in seinem Lichterfelder Atelier ein Riesengebilde aus Holz, Stroh und vor allem Gips geschaffen, die Grundform für den späteren Bronzeguss. Lediglich Kants Kopf wurde separat in Ton geformt.

Zum Glück war in Königsberg der ursprüngliche Sockel aus dunkelrotem Granit aufgetaucht, der nun half, die Größe des Originals zu bestimmen. Auf 2,70 Meter wuchs das Bildnis für die Haacke neben den beiden kleinen Rauch-Werken auch auf Fotos zurückgreifen konnte, denen seine Rekonstruktion in Details angepasst wurde. Gegossen wurde der neue Kant bei Noack in Charlottenburg, seit Sommer 1992 steht er wieder in Königsberg vor der Universität.

Kunst oder Handwerk? Für Haacke lässt sich das so nicht trennen, schließlich gehöre auch Einfühlungsvermögen in die ursprünglichen Formen zu seiner Arbeit, aber rein künstlerisch sei diese natürlich nicht. "Das ist nur das, was man sich selber ausdenkt."

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