Berlin : "Wie der Mensch sich den Bauch vollschlägt": Vom Steinzeitmahl bis zum Dinner for One

Rainer W. During

Die Tafelrunde Friedrich II. ist exakt dem Gemälde von Adolph Menzel nachempfunden. Gleich nebenan vergnügen sich leichtbekleidete Griechen bei einem lustvollen Essen. Die Vorlage für das Gastmahl des Balsazar 800 vor Christi lieferte dagegen das Alte Testament. Was die Akteure der drei Szenen gemeinsam haben, ist die exakte Größe von drei Zentimetern Augenhöhe. "Wie sich der Mensch den Bauch vollschlägt" ist der Titel einer Zinnfigurenausstellung, die heute Abend im Heimatmuseum in Alt Hermsdorf 35 eröffnet wird.

"Die Größe wurde in den 20er Jahren festgelegt, als aus dem Spielzeug ein Sammelobjekt wurde", sagt Peter Wellnitz. Er ist Vorsitzender des "Klio"-Vereins - Freunde der Zinnfigur - Berlin. Der Club hat die Schau aus über 3000 Minifiguren zusammengestellt.

Von der Gewinnung der Nahrung über deren Vermarktung und Zubereitung bis hin zum Tisch des Volkes und der Tafel der Reichen und Mächtigen spannt sich der Bogen der in acht Kapitel gegliederten Ausstellung. Der Kräutergarten des Spandauer Nonnenklosters findet sich ebenso bei den rund 80 Einzelszenen wie der klassische Marktplatz oder der Bollewagen. Die Besucher können ein Festessen der Neandertaler vor 50 000 Jahren bestaunen, Robinson Crusoe bei einer Mahlzeit auf seiner Insel zuschauen oder das berühmte "Dinner vor One" erleben. Zu den größten Einzelszenen gehört ein Kaffeegarten mit 80 Besuchern. Rund 300 Stunden hat seine Vereinskameradin für die Herstellung gebraucht, schätzt Wellnitz.

Insgesamt 30 Mitglieder haben die Ausstellung gestaltet. Rund 4000 bis 5000 Figuren zählen zum Bestand eines Sammlers. Trotz Serienfertigung der ab einer Mark erhältlichen Rohlinge ist jedes Stück ein Unikat, denn individuell bemalt werden die Miniaturen erst von ihren Besitzern. Dominierten in Deutschland früher die so genannten Flachfiguren, sind inzwischen auch hier die in anderen Ländern beliebteren, plastischen Modelle im Kommen. Für besonders gelungene Stücke in "Luxusbemalung" lassen Sammler bis zu 500 Mark springen. Der Gesamtbestand ist nur lückenhaft katalogisiert. In Fachkreisen wird davon ausgegangen, dass es weltweit zwischen 300 000 und 500 000 verschiedene Modelle gibt.

Bei ihren Ausstellungen versuchen die Sammler, die Themen so originalgetreu wie möglich umzusetzen. "Man muss sich viel historisches Wissen aneignen und braucht eine umfangreiche Bibliothek", sagt Peter Wellnitz. Deshalb hält sich der Nachwuchs auch in Grenzen. "Erst mit etwa 30 Jahren fängt man an, dieses Hobby ernsthaft zu betreiben", so der Vorsitzende. Bis zum Jahresende wird die Ausstellung noch durch einen Sonderteil ergänzt. Gezeigt werden Adventsszenen wie ein Alt-Berliner Weihnachtsmarkt.

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