Berlin : Wie der NS-Zeit gedenken?: Das zweite Mahnmal (Kommentar)

Harald Martenstein

Das Berliner Holocaust-Mahnmal ist beschlossene Sache. Es soll ausschließlich an die jüdischen Opfer der Nationalsozialisten erinnern. War dieser Beschluss ein Fehler? Nein. Die weitaus meisten Ermordeten waren Juden, niemanden sonst verfolgten die Nazis mit so kompromisslosem Hass. Aber ihr Hass richtete sich gegen viele Personengruppen. Auch die Sinti und Roma verlangen ein Mahnmal, Homosexuelle und Pazifisten ebenfalls, andere Opfergruppen werden vermutlich folgen. Diese Ansprüche sind selbstverständlich legitim. Es gibt keine Ermordeten erster und zweiter Klasse. Aber man muss nicht Eberhard Diepgen heißen, um bei dem Gedanken an ein halbes Dutzend verschiedener Mahnmale im Zentrum Berlins ein Unbehagen zu spüren. So viele Mahnmale machen einander auf unangenehme, unwürdige Weise Konkurrenz. Sie führen das Gedenken ad absurdum.

So weit das Problem. Berlin muss es lösen. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Berlin, Andreas Nachama, hat dazu einen Vorschlag gemacht. Nachama regt an, das Dokumentationszentrum "Topographie des Terrors" - eine einstige Zentrale der Gestapo - in einen Ort zu verwandeln, an dem das Terrorsystem des Dritten Reiches dargestellt und gleichzeitig der nichtjüdischen Naziopfer gedacht wird. Nachamas Idee hat vieles für sich, auch aus einem Grund, der nichts mit dem Holocaust-Mahnmal zu tun hat. Die Zukunft der "Topographie" ist unklar, seit sich herausgestellt hat, dass ein dort geplantes Dokumentationszentrum doppelt so teuer wird wie erwartet. Das Abgeordnetenhaus hat einen Baustopp verhängt. Über das Gelände muss neu nachgedacht werden, so oder so. Ein Dokumentationszentrum möchte andererseits Michael Naumann unbedingt mit dem Holocaust-Mahnmal verbunden sehen. Für ihn ist das eine Prestigefrage. Wir erinnern uns: Der Minister war zuerst gegen das Mahnmal, dann bekehrte er sich, forderte allerdings, es durch ein Dokumentationszentrum zu ergänzen.

Der Direktor der "Topographie", Reinhard Rürup, und die geschäftsführende Direktorin Gabriele Camphausen haben Nachamas Vorschlag zurückgewiesen. Begründung: Diese Idee habe man bereits vor zehn Jahren diskutiert. Wie ein überzeugendes Argument klingt dieser Satz nicht. Vor zehn Jahren, das bedeutet in Berlin: in einer anderen Epoche. Und soll jetzt wirklich zehn oder zwanzig Jahre lang in Berlin über Mahnmale für Sinti und Roma, für Homosexuelle, für geistig Behinderte, für Deserteure und all die anderen Verfolgten gestritten werden? Muss das sein? Könnte man nicht, dieses eine Mal wenigstens, in Berlin ein Gedenkproblem schnell und klar lösen? Die Naziopfer und ihre politischen Nachkommen werden jedenfalls nicht schweigen. Warum sollten sie auch.

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