Berlin : Wie eine Liebesgeschichte zur Horror-Story wurde

Michael Brunner

Es war ein warmer Sommertag im Juli 1998. Zwei Männer in Arbeitsanzügen standen im Treppenhaus, insofern war der Blick durchs Guckloch der Wohnungstür nicht weiter beunruhigend. Der 35-jährige Olaf G. aus Marzahn fuhr mit seinem Rollstuhl ein Stück zurück und ließ die beiden Handwerker ein. Was danach geschehen sein soll, schilderte der Computerdozent vor dem Landgericht gestern als wahre Horror-Story: Die vermeintlichen Handwerker stürmten in die Wohnung und bedrohten den Mann im Rollstuhl. Sie hielten ihm ein Schriftstück vor und forderten ihn auf, seine Unterschrift darunter zu setzen. Als er sich weigerte, stieß "der Dicke im Kittel" den Rollstuhl um, schlug und trat den Schwerbehinderten und quälte ihn mit einem Elektroschock-Gerät. Damit wollten die beiden Täter erreichen, dass das Opfer auf sämtliche finanziellen Ansprüche an seine frühere Freundin Karin verzichte.

So weit die Version des "Opfers" und Nebenklägers, die zu einer Anklage wegen schwerer räuberischer Erpressung gegen seine Ex-Freundin und deren neuen Lebensgefährten führte. Dass sich Karin P., eine 46-jährige Lehrerin für Biologie und Chemie, in der Zeit nach der Wende immer mal wieder in Geldschwierigkeiten befand, ist unbestritten. Doch in allen anderen Punkten widersprach sie gestern vor Gericht ihrem früheren Freund. "Ich lernte ihn 1991 über eine Kontaktanzeige kennen und zog zu ihm", sagte sie vor der Strafkammer. Doch die Liebesgeschichte zwischen der Lehrerin und dem Rollstuhlfahrer, der bei einem Unfall zu Beginn der 80er Jahre beide Beine verloren hatte, wurde für die Frau bald zur Tragödie. "Er schlug mich und erpresste mich mit Videos, die er heimlich beim Sex aufgenommen hatte", sagte sie.

Mit großer Angst erfüllte sie die Drohung, die Videobänder könnten an ihrer Schule landen. Vier Jahre hielt sie es aus, dann musste sie einfach weg. Doch so leicht war das nicht, Karin P. musste nach ihrer Darstellung einen Schuldschein unterschreiben, bevor sie gehen durfte. "Ich wollte mich unbedingt von ihm lösen", sagte die Frau und beschrieb, wie sie von ihrem ehemaligen Lebensgefährten terrorisiert worden sei. Nun kam ihr neuer Freund, der 46-jährige Hans-Jürgen P., ins Spiel. Der sah, dass seine Partnerin von ihrem ehemaligen Liebhaber nicht loskam, und wollte helfen. Seine Idee bestand darin, die Schulden auf einmal zu bezahlen und die ganze Sache damit für immer zu beenden. Die Pädagogin löste ihre Rentenversicherung auf und kratzte noch ein paar Tausend Mark zusätzlich zusammen. Der neue Freund will sich dann allein zur Wohnung von Olaf G. begeben haben. Dort übergab er 12 000 Mark in bar und ließ sich ein vorbereites Schriftstück unterschreiben. Den Überfall und den Komplizen habe der Mann im Rollstuhl frei erfunden, um seiner ehemaligen Partnerin zu schaden, sagte Hans-Jürgen P. gestern. "Er kann einfach nicht loslassen, und eben vor dem Gerichtssaal hat er uns massiv bedroht", sagte er.

Für die 17. Große Strafkammer stand nur eins fest: Vom Konto der Lehrerin sind 12 000 Mark verschwunden. Für einen Überfall fand das Gericht keine Anhaltspunkte und sprach die Angeklagten nach nur sechsstündiger Verhandlung frei.

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