Wie ich mal im Wedding abblitzte : "Reporter? Da sind Sie der neunte!"

Der Wedding, dieser geheimnisvolle Stadtteil, steckt voller großartiger Geschichten. Nicht immer aber haben die Weddinger Lust, sie zu erzählen. Eine kleine Lektion Demut im Musikhaus an der Müllerstraße.

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Musikalien seit über 100 Jahren: das Musikhaus Stehr in der Weddinger Müllerstraße
Musikalien seit über 100 Jahren: das Musikhaus Stehr in der Weddinger MüllerstraßeFoto: Sulamith Sallmann (www.sulamith-sallmann.de)

Zum ersten Mal las ich von ihr im Spätsommer vergangenen Jahres. „Wegen Flöten“, stand über dem Artikel, „84-jährige Musikladen-Besitzerin niedergestochen“. Eine Polizeimeldung direkt aus dem Wedding, aus der Müllerstraße, wo die alte Dame, so stand es zu lesen, seit 65 Jahren ihre Musikalienhandlung führe. Der Täter war geflohen, mit einer Flöte und einer Ziehharmonika, die Geschäftsinhaberin fand eine Kundin später hinter dem Verkaufstresen, aus mehreren Schnitten blutend.

Ein paar Monate später kam die Rede erneut auf den Musikladen, die Besitzerin, so erzählte mir einer, der den Wedding sehr gut kennt, sitze im Winter im Kalten in ihrem Laden, weil sie sich die Heizkosten nicht mehr leisten könne. Aber sie sei immer noch da. Das ist der Wedding, sagte er, genau das.

Da muss man doch mal hin. Da muss man doch mal was drüber machen. Solcherart sind die Sätze, die einem Reporter durch den Kopf schießen. Sich einfach mal hinsetzen mit dieser unverwüstlichen alten Frau und über alles reden, über die letzten 60 Jahre im Wedding, und darüber, warum sie einfach geblieben ist, in ihrem kleinen Laden sitzend, nicht zu verdrängen von Messerattacken oder der Inflation der Nebenkosten.

Das kleine gallische Dorf des Einzelhandels. Was war der Zaubertrank?

Hier musste die ultimative Story schlummern

Dass sich beim Googeln des Ladennamens, Musikhaus Stehr, außer besagter Polizeimeldung kein einziger Medienbericht fand, kein Ortsbesuch, kein Kurzinterview, kein Garnichts, bestärkte mich nur in meinem ungeduldigen, leichtsinnigen journalistischen Drang.

Super, dachte ich mir, ist wohl noch keiner der Kollegen auf den Trichter gekommen, dass hier die ultimative Wedding-Story schlummert, ein Laden, unzerstörbar im sich ewig wandelnden Lärm der Müllerstraße, eine Frau, sie alle auf ewig zu besaiten.

Schneematsch lag entlang der Müllerstraße, ich musste über eine Pfütze springen, um auf den Gehweg zu gelangen, schnellen Schrittes, das Backsteinhaus fest im Blick, in dessen Schaufenster sich bereits Gitarrenkörper abzeichneten.

Drinnen: Teppichboden, sympathische Unordnung, überall Musikinstrumente, an den Wänden, und auch auf einer Art Insel mitten im kleinen Verkaufsraum. Wie man sich einen Laden nach 65 Jahren so vorstellte. Herrlich.

Eine Frau mit weißen Haaren kam gebeugten Schrittes um den Ladentisch herum.

Hallo, sagte ich freundlich, ich bin Reporter. Bei der Zeitung.

Sie schaute mich an und lächelte fein.

Reporter?, fragte sie nach einer Pause von vielleicht zwei, drei Sekunden.

Genau, sagte ich fröhlich.

Da sind Sie der neunte, sagte sie, allein diese Woche.

Hm, sagte ich, und dann sagte ich erst mal nichts mehr, stand inmitten all der Gitarren, die Hände hinterm Rücken verschränkt, trat von einem Bein aufs andere und sah, wie von meinen Winterstiefeln Matsch tropfte, auf den Teppich des Musikhauses Stehr.

Während die alte Frau wieder irgendwas sortierte, überlegte ich, womit ich es hier zu tun hatte. Blanke Ablehnung? Ein Test? Koketterie? Vielleicht doch nur ein launig-koddriger Auftakt zu einem Gespräch, das nun in alle Richtungen gehen konnte?

Nein, sagte sie, und nichts mehr

Wundert mich nicht, sagte ich schließlich, freundlich lächelnd. Weil gute Stimmung immer A und O bei Open-Field-Recherche, klar. Wundert mich nicht, sagte ich, dass die Kollegen Ihnen die Bude einrennen, Sie müssen ja auch einiges zu erzählen haben.

Nein, sagte sie. Und kein Wort mehr.

Aber, sagte ich, aber ihren Laden, den gibt es doch schon ewig, oder?

Konnte ja auch sein, dass ich irgendwie alles verwechselte, dass das hier vielleicht gar nicht das Geschäft mit dem Überfall war, und sie erst letztes Jahr hier angefangen hatte, Alters-Teilzeit, was dann natürlich irgendwie die Story gekillt hätte, jedenfalls die Story, wie sie mir vorschwebte, so à la „Die unverwüstliche Weddingerin erzählt von Früher und Heute“, ein Arbeitstitel, der mir plötzlich irgendwie gar nicht mehr so genial vorkam.

Ja, sagte sie, uns gibt’s schon ne Weile. Seit über 100 Jahren.

Dann fing sie wieder mit dem Sortieren an. 100 Jahre, wow, sagte ich und dann tat ich, was man als Reporter auf verlorenem Posten nie, nie, niemals machen sollte, auf der Nannenschule bringen sie einem das sicher schon in der ersten Woche bei, nur war ich da leider nie, und deswegen versuchte mich in einen Witz zu retten. Einen schlechten Witz.

100 Jahre, sagte ich also, wow. Aber nicht Sie selbst oder?

Sie guckte kurz auf von dem, was sie tat. Keine Regung im Gesicht. Nee, nee, sagte sie, Jopi Heesters bin ich noch nicht. Dann lachte sie kurz, über ihren kleinen, gelungenen Witz und wahrscheinlich auch ein bisschen über diesen drolligen Zeitungsmenschen, der hier einfach in ihren Laden geplatzt war und jetzt langsam anfing, in seiner bescheuerten Wellensteyn-Jacke ein bisschen zu schwitzen.

Es gab nun kein Zurück mehr. Sie haben also, setzte ich erneut an, leider gar keine Lust, Ihre Geschichte, alle Ihre tollen Geschichten, in der Zeitung zu lesen?, fragte ich.

Genau so gut hätte ich fragen können: Die Gitarren, die Sie verkaufen, haben also sechs Saiten, ja?

Stimmt, sagte sie. Und dann sortierte sie weiter.

Ein paar lange, stille Sekunden stand ich in dem vielleicht ältesten Musikladen Berlins und kam mir vor wie der albernste Mensch der Welt.

Im Spiegel seiner Pfützen: Der Wedding im Februar.
Im Spiegel seiner Pfützen: Der Wedding im Februar.Foto: Sulamith Sallmann (sulamith-sallmann.de)

Selbstmitleid ist immer schnell zur Hand. Der Reporter ohne Geschichte, dachte ich, schon einigermaßen deprimiert. Schlimmer noch: der Reporter mit toller Geschichte vor der Nase, einer Person auf Armlänge gegenüber, die zweifelsohne die grandiosesten Räuberpistolen auf Lager hat von der Müllerstraße bis Teltow und zurück, einer unverwüstlichen Weddingerin reinen Blutes, noch dazu mit ordentlich Mutterwitz gesegnet und dem scharfen Blick auf das, was da seit 100 Jahren durch die Tür gekommen war, den Schnee von den Sohlen klopfend im Januar, Schatten suchend und vielleicht den Geruch von Instrumentenholz im heißen August, jahrein, jahraus, Dutzender interessanter Details, wann haben die Leute die meisten Gitarren gekauft, in den Siebzigern vielleicht, zehn Jahre Summer of Love, egal ob Kirschblüte oder Schneematsch, und wann die meisten Keyboards, in den Nachwendejahren oder doch schon vorher, in den schlimmen Achtzigern, und wann war das hier genau gekippt mit der Müllerstraße, dem früheren Ku'damm des Nordens, tausend Anekdoten, Trivialitäten und Skurrilitäten mussten da schlummern, in einem einzigen Kopf, die Geschichte eines ganzen Stadtteils, aus seiner Mitte erzählt. Aber leider hatte diese liebe, gute, ewige Musikladenbesitzerin schlicht keinen Bock, auch nur irgendwas zu erzählen.

Was waren 16 Jahre Berlin gegen 100?

Juti, sagte ich vor dem Hinausgehen noch, wohl wissend, dass mir hier kein anbiederndes Berlinern mehr helfen würde, egal wie authentisch ich es auch über die Lippen bekommen würde, stattdessen kam ich mir vor wie der gottverdammte Zugezogene, der ich nun mal war - was waren 16 Jahre Berlin schon gegen 100? Juti, sagte ich dennoch oder gerade deswegen, es war jetzt ohnehin wurscht, dann noch nen schönen Tach. Und trat wieder hinaus in den Schneematsch.

Ich ging, reine Übersprungshandlung, gleich in die nächste Tür rechterhand wieder rein, Coffee Star, Kaffeerösterei, stand darüber, ein Stück neuer Wedding direkt neben dem alten.

Ich bestellte mir irgendein Milchschaumgetränk und dachte noch ein bisschen an alte Musikgeschäfte und die Gitarre, die bei mir zuhause herumflog und nur noch vier Saiten hatte, seit Jahren schon.

Wäre ich nur Bild-Reporter, dachte ich traurig. Dann wäre ich einfach mit meiner alten Klampfe im Laden aufgelaufen, wieder aufgeflammtes Interesse am Klang trauriger Moll-Akkorde vorgebend, vielleicht untermalt von einer ausufernden Trennungsgeschichte, um dann subtil, unbemerkt, raubtiergleich die Unterhaltung auf mein Gegenüber zu lenken (Mögliche Suggestivfragen zum Einstieg: Muss doch auch einsam sein, hier tagein, tagaus, in dem kalten Laden, oder etwa nicht? Sie waren doch bestimmt auch mal verheiratet, oder? Oder, Stichwort Hochzeit: Wie geht’s eigentlich dem Wedding?)

Und wie mir so all diese dummen, unnützen Gedanken und all der Milchschaum durch den Körper schossen, überkam mich eine tiefe Gleichmut. Nein, nein, recht hat sie doch, die liebe alte Frau, dachte ich, schmiss meinen Pappbecher weg und trat hinaus in den matschigen Weddinger Scheißtag, absolut recht hat sie.

Man muss ja wirklich nicht aus allem immer gleich eine Geschichte für die Zeitung machen.

Fotos © Sulamith Sallmann

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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