Berlin : Wie in der Bibel, so auch in Kreuzberg In Heilig Kreuz kehrten verlorene Söhne heim

Claudia Keller

Würde man Kirchgänger nach ihren Lieblingswörtern fragen, Nächstenliebe wäre garantiert darunter. Nur wird sie nicht in jeder Kirche auch wirklich gelebt. Ganz anders am Sonntag in der Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche. Da wurde nicht von Nächstenliebe geredet, sondern sie war einfach da, ganz selbstverständlich. Und das war beeindruckend. 30 Männer und Frauen standen beim Abendmahl im Kreis um den Altar. Sie tranken aus demselben Kelch, aßen die gleichen Oblaten und hielten sich liebevoll an der Hand: Ältere Damen in schicken Kostümen und solche, an deren Husten und Äußeren man ablesen konnte, dass es ihnen nicht gut geht, dazwischen junge Frauen in Jeans und alte mit Stock.

Die Geschichte vom verlorenen Sohn passte gut zu dieser kleinen Versammlung. Der Vater in der Parabel aus dem Lukas-Evangelium liebt den Sohn, der sein Vermögen verprasst hat, genauso wie den, der immer brav gearbeitet hat. Ein bisschen schade nur, dass Pfarrerin Dagmar Apel die Gelegenheit nicht nutzte, um den Bezug zur Gemeinde, hier und heute herzustellen. Statt einer Predigt erzählte sie die Geschichte noch einmal, aus der Sicht einer fiktiven Schwester der beiden Söhne, und schmückte das Verhalten von Vater und seinen Kindern psychologisch aus. Als Fazit blieb im Raum stehen: Gott liebt jeden, aber wenn wir uns untereinander nicht lieben, werden wir trotzdem nicht glücklich. Das stimmt wahrscheinlich, aber aus der Geschichte hätte sich noch Eindringlicheres herausholen lassen.

Das schaffte dafür eine 92-jährige Frau mit Stock, die sich vor den Altar stellte und erklärte, dass mit der Kollekte eine Gedenkstätte für den Theologen Dietrich Bonhoeffer unterstützt werden soll. Ihn hatten die Nazis wegen seiner Überzeugung ermordet. „Sei dir treu bis zum Tod, dann wird dir die Krone des Lebens geschenkt“, sagte die weißhaarige Frau mit gebrechlicher, aber energischer Stimme, der man anmerkte, wie sehr sie das Gebot gelebt hat.

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