Berlin : Wie kunsthistorische Museen versuchen, mehr als Rumpelkammern der Nation zu sein

Sonja Bonin

Es sind seltsame Geschöpfe, die "kulturhistorischen Museen". Als eine Mischung aus Kunstsammlung, Heimatmuseum und Depot für alles, was großzügige Spender für bewahrenswert halten, müssen sie sich stärker als die klassischen Kunstmuseen selbst definieren. Ein gutes Beispiel für diesen besonderen Museumstypus ist das Märkische Museum in Berlin, das nun sein 125-jähriges Bestehen feierte. Vor hundert Jahren zog das reichste aller preußischen "Provinzialmuseen" in das historistische Gebäude am Köllnischen Park, das nach einer ersten Renovierungsphase die provisorische Dauerausstellung zur Stadtgeschichte Berlins beherbergt.

Das wohl auffallendste Charakteristikum kulturhistorischer Museen ist die Heterogenität ihrer Objekte. Häufig finden sich darin herausragende Kunstschätze neben Stücken von eher dokumentarischem Wert. Als kulturelles Gedächtnis einer Stadt, Region oder Nation gelten kulturhistorische Museen als die am wenigsten systematischen unter allen Museumstypen - und müssen sich deshalb davor schützen, zur "Rumpelkammer" degradiert zu werden.

Auch stilistisch haben kulturhistorische Museen von Zürich bis Helsinki vieles gemeinsam, wie der Architekturhistoriker Nikolaus Bernau auf einer internationalen Tagung in Berlin vortrug. Passend zur Vielfalt der Ausstellungstücke und zur Absicht, weite gesellschaftliche Schichten anzusprechen, erfand man einen speziellen Gebäudetypus. Der bescherte den kulturhistorischen Museen die Fachnamen "Agglomerierte" oder "angegliederte Museen", weil hier verschieden hohe und unterschiedlich gestaltete Gebäudeteile kombiniert wurden.

Zum agglomerierten Baustil gehörte äußerlich meist die Imitation historischer Vorbilder und die Platzierung in einem Park, der die regionale Landschaft repräsentierte. Das Märkische Museum in Berlin zitiert zum Beispiel brandenburgische Bauformen und ist in den Köllnischen Park eingebettet. Im Innern des Gebäudes finden sich typischerweise eine zentrale Waffenhalle oder "Große Halle", um die sich der Ausstellungsrundgang rankt, ein Kirchensaal und mindestens ein sogenannter "Epochensaal". Mit diesen originalgetreu nachgebildeten Räumen versuchte man, die authentische "Stimmung" der jeweiligen Epoche wiederzugeben - was sich aus der gesellschaftlichen und politischen Situation um 1900 erklärt, als die ersten kulturhistorischen Museen gegründet wurden.

Das gesellschaftliche Unbehagen über die Folgen der Industrialisierung und das explosionsartige Wachstum der Bevölkerung führten zu einer kulturpessimistischen Kritik der Moderne. Andererseits entwickelte ein aufstrebendes und zunehmend wohlhabendes Bürgertum das nötige Selbstbewusstsein, mit dem Märkischen Museum das erste vom preußischen Königshaus unabhängige, bürgerliche Museum in Berlin zu gründen, wie Alexis Joachimides von der Richard Schöne Gesellschaft für Museumsgeschichte ausführte. Das kulturhistorische Museum sei "das Paradigma der Museumsreform in den 1880er, 1890er Jahren", so der Referent. Die Reformer kritisierten an den gängigen Kunstmuseen, dass sie am Publikum vorbei inszenierten. Hinzu kamen völkisch-romantische Tendenzen außerhalb der großstädtischen Intelligentsia. Heimatforscher betonten die kulturhistorische Bedeutung der Wohnumgebung, der regionalen Landschaft und des Alltagslebens. Denkmalschützer gewannen an Selbstbewusstsein und forderten, bei der Präsentation historischer Objekte dem "ursprünglichen Ort" den Vorzug vor dem Museum zu geben. Mit originalgetreuen Arrangements in den sogenannten "Epochen"- oder "Stilräumen" wollten sie dieses Anliegen didaktisch umsetzen.

Seither bewegen sich kulturhistorische Museen zwischen zwei Polen: Einerseits versuchen sie sich als Kunstsammlungen zu profilieren, andererseits heben sie sich gerade durch ihre besondere Inszenierung aus der Menge der üblichen Kunstmuseen heraus - und erreichen so häufig ein größeres Publikum. Nach wie vor besteht das Problem, sich diese Besonderheiten zu bewahren, ohne aber durch unsystematisches Anhäufen von möglichst vielen Objekten zur reinen historischen Fundgrube zu geraten.

Für das Märkische Museum findet sich vielleicht ein praktikabler Kompromiss. Museumsdirektor Reiner Güntzer schlug in einer Art Rahmenplan vor, wie die derzeit 15 Dependancen zukünftig als Spezialabteilungen genutzt werden könnten, so dass das Stammhaus am Köllnischen Park ganz der Kulturgeschichte von Stadt und Region zur Verfügung stünde. Mit dem Auslagern des Jüdischen Museums als alleiniger Nutzer des neuen Libeskind-Baus ist ein erster Schritt in diese Richtung bereits getan.

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