Berlin : Wie Michael Moore auf der Kanzel

Bill Talen alias Reverend Billy predigt am Potsdamer Platz und im Tempodrom

Theresa Bäuerlein

Der Priesterkragen ist zwar falsch, aber der Idealismus ist echt: Wenn Bill Talen in der Rolle des Predigers Reverend Billy in New York auf die Straße geht, um gegen seine Gegner zu protestieren, gibt er alles. Im weißen Jacket, die blonden Haare zur Tolle gegelt, ruft er den Kunden einer Starbucks-Kaffeebar zu: „Rettet eure Seelen, Kinder, geht nicht in diesen Laden!“ Dann singt er: „Boykottiert Starbucks!“, immer wieder. Bald stimmt die Menschenmenge, Schaulustige und Anhänger Talens, ein, stampft mit den Füßen den Takt: „Boy-kottiert Star-bucks!“

Eine ähnliche Szene könnte sich am heutigen Donnerstag in Berlin abspielen. Dann nämlich wird Talen erstmals als Reverend Billy auf dem Potsdamer Platz auftreten. Der Berliner Kabarettist Arnulf Rating hat den New Yorker Straßenkünstler zum diesjährigen Maulhelden-Festivals eingeladen. Zum dritten Mal in Folge zeigen im Rahmen dieses Festivals internationale Künstler Shows, in deren Mittelpunkt das gesprochene und gesungene Wort steht. In New York begleitet Reverend Billy stilgerecht ein Gospelchor, hier wird der Berliner Chor „Wings of Joy“ diese Arbeit übernehmen. Als Vorgeschmack zu seinem eigentlich Auftritt am Freitag gehen die Veranstalter am Vortag ab 17 Uhr mit Reverend Billy durch die Arkaden des Potsdamer Platzes. „Was dann passiert, entscheiden wir spontan“, sagt Rating.

In den USA gilt Talen als eine der führenden Figuren der Anti-Globalisierungsbewegung, auch der New Yorker Polizei ist er einschlägig bekannt: Immer wieder wird der 53-Jährige bei seinen lautstarken Auftritten vor den Geschäften seiner Gegner oder auch mal auf Häuserdächern festgenommen. Seine Gegner, das sind neben dem Kaffeebar-Betreiber Starbucks der Disney-Konzern und das Modelabel GAP, kurz: fast alle transnational arbeitenden Konzerne. Der selbst ernannte Priester wirft ihnen vor, dass sie ihre Produkte billig in Dritte-Welt-Ländern herstellen lassen, um sie im reicheren Teil der Welt teuer zu verkaufen. Gleichzeitig kritisiert er, dass individuelle Geschäfte in den Städten von den Filialen großer Ketten verdrängt werden. „Dieses Problem gibt es in Berlin ebenso wie in New York, genau deshalb passt Reverend Billy so gut hierher“, sagt Rating, „für uns ist er ein besonderer Maulheld, weil er nicht nur redet, sondern auch handelt.“

Wie er sich dabei in die Pose wirft und ganz im Stil amerikanischer TV-Prediger nicht mit Pathos und großen Gesten spart, wird wohl auf geteilte Zustimmung stoßen. Besonders wenn Talen die amerikanische Politik kritisiert, klingt es manchmal, als würde Michael Moore von einer Kanzel herab predigen: „Der Irak-Krieg war ein Video-Spiel und George Bush eine Bomberjacke-tragende Puppe, gebadet in das Blut der Unschuldigen.“

Bei all dem will der selbst ernannte Priester jedoch nicht in einen Topf mit radikal schwarz-weiß-malenden Globalisierungskritikern geworfen werden: „Ich bin nicht gegen den Konsum an sich“, sagt er, „Ich denke nur, dass die meisten Menschen unterschätzen, welchen Einfluss ihr Einkaufsverhalten haben kann.“ Ob seine Botschaft bei den Berlinern ankommen wird, kann er nicht abschätzen. Bei seinem Auftritt im Tempodrom will er deshalb auch über die amerikanische Außenpolitik sprechen. „Es muss herüberkommen, dass es in Amerika Menschen gibt, die die Politik unserer Regierung kritisieren“, sagt er.

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