Berlin : Wie Porno

Berlins Hip-Hop-Szene gilt als besonders hart. Die Jugendbehörde setzt ihre Songs auf den Index

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Der Berliner Rapper Sido pflegt zwei seiner Markenzeichen besonders intensiv. Das eine ist die silberne Maske, die er öffentlich gern zeigt; das andere Markenzeichen sind seine protzigen Texte. Ein Beispiel gefällig? Nun, die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM) hat sich das Lied „Arschficksong“ einmal genauer angehört. Darin rappt der Sido: „Es fing an mit 13 / und ’ner Tube Gleitcreme / da brauch’ man nicht erst lockern / und kann ihn gleich rein schieb’n“.

Das ist der Stil der Rapper, das weiß die Bundesprüfstelle in Bonn. „Wir müssen uns seit einem Jahr vermehrt um die deutschen Rapper kümmern“, sagt die Leiterin der Behörde, Elke Monssen-Engberding. „Vermehrt“ würden die Mitarbeiter auch Platten aus Berlin prüfen müssen. Oft ginge es um Gewaltverherrlichung, Diskriminierung, „auch um Vergewaltigung“, sagt die Leiterin. Auf dem Index tauchen nun erneut zwei Rapper aus Berlin auf, diesmal „Bass Sultan Hengzt“ und „King Orgasmus One“. Über Sinn und Nachhaltigkeit all der Texte will die Behörde keinen Kommentar abgeben.

Den Rapper Sido hätte so mancher Prüfer auch gern auf die Liste gesetzt. Dann wären die Platten nur für Erwachsene erhältlich. Doch weil die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (kurz: FSK) das Musikvideo zum besagten Song ab 16 Jahren freigegeben hat, ist das nun nicht mehr möglich.

Das Schöneberger Label „Aggro Berlin“, bei dem auch Sido, der eigentlich Paul heißt, unter Vertrag steht, nimmt die Vorwürfe gelassen hin. Der Vertrieb muss seit Monatsanfang dennoch angepasst werden. Nachdem im Dezember 2004 der Sampler „Ansage 3“ auf den Index gesetzt wurde, hat das Label nun Post bekommen, auch „Ansage 2“ erst ab 18 Jahren verkaufen zu dürfen. Für das Album gilt beim Verkauf nun das Gleiche wie für ein Porno: Es muss nicht sichtbar im Laden aufbewahrt und darf nur gegen Altersnachweis verkauft werden.

Ein Problem Berlins ist die Indizierung nicht. „Wir haben jetzt auch eine Platte aus den USA auf den Index gesetzt“, sagt Leiterin Monssen-Engberding. „Ein Lied fordert zum Schwulen- und Lesbenmord auf.“ Die Anträge, einen Film, ein Buch oder eine Platte zu prüfen, müssen von Jugendämtern kommen; von Privatpersonen eingereichte Hinweise werden nicht bearbeitet.

Die Rapszene macht sich wenig aus der Indizierung. Die Lieder würden seit Jahren gespielt, heißt es. Außerdem, sagt eine „Aggro“-Sprecherin, „werden sich deshalb kein Rapper ändern und schon gar nicht seine Texte“. Sie seien in Berlin aufgewachsen „und nicht in Kassel, wo man vielleicht netter redet“. Die Jugendlichen wüssten die Worte schon richtig einzuschätzen.

Mitunter kann so eine Indizierung ein Lied erst attraktiv machen. Das haben die „Ärzte“ in 80ern gemerkt, als die Behörden zwei ihrer Titel beanstandeten. Die Band musste den Mund halten und hat die Songs nur angespielt. Gesungen hat dann das Publikum.

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