Berlin : Wie Schüler der Lilienthal-Schule lernen, Konflikte zu entschärfen

Jeannette Goddar

Philip Scholz hat das große Los gezogen und muss auf der Bühne den Querulanten mimen. Kein Wunder, dass die Wiebke gehänselt werde, so wie die herumlaufe, mault er. Und dass die Lehrerin die Mädchen benachteilige, läge halt einfach nur daran, dass die ein bisschen blöder seien als die Jungs. Auf die junge Muslimin mit dem Kopftuch auf dem Stuhl neben ihm blickt er nur verächtlich herab. Genervt sind offenbar alle von dem Großmaul, doch so richtig das Handwerk legen will ihm keiner. Doch alle sind froh, dass zwei Mediatoren, auch Streitschlichter oder Konfliktlotsen genannt, in den Unterricht gekommen sind und ihre Unterstützung anbieten.

Die Schlichter haben die Klasse in mehrere Gruppen aufgeteilt. So bekommt jeder und jede die Möglichkeit zu erzählen, was es für Probleme gibt. Und je länger die Schüler überlegen, desto mehr fällt ihnen ein: Längst haben sich Cliquen gebildet, die nichts miteinander zu tun haben; wer keine Markenklamotten trägt, wird gehänselt; die Lehrerin Meier nimmt immer nur Jungs dran; die Sitzordnung ist blöd. In Gesprächen mit den beiden Konfliktlotsen werden Wunschlösungen erörtert, Lösungswege gesucht. Alles Wesentliche wird schriftlich festgehalten. In drei Wochen will man sich dann wieder zusammenkommen.

Es war eine beeindruckende Vorstellung, die die Jugendlichen auf der Bühne des Lichterfelder Lilienthal-Gymnasiums darboten, um zu veranschaulichen, worum es bei der in jüngster Zeit viel zitierten Mediation im Klassenzimmer eigentlich geht. Zwei Jahre nach der Einführung des Konfliktlotsenmodells wurde dort gestern in Anwesenheit der Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) eine enorm positive Bilanz des Versuchs, Schüler untereinander, aber unter professioneller Anleitung ihre Konflikte regeln zu lassen, gezogen.

"Als ich vor vier Jahren an die Schule kam, habe ich beschlossen, nicht mit anzusehen, dass Mäxchen Fritzchen eine runterhaut, der dann zurückschlägt und sich so die Spirale immer weiterdreht", erinnerte sich Schulleiter Eberhard Ninow an die Initialzündung. Die für Mediation ausgebildete Lehrerin Alwine Bonjer nahm sich der Idee an und begann, in mehrmonatigen Kursen Schüler als Konfliktlotsen auszubilden.

Einer der Schüler war Philip Scholz, der inzwischen in der zwölften Klasse ist. "Wir haben unglaublich viel gelernt", erzählt er, "von Zuhören über Gesprächsführung bis zur Körpersprache".

Ganz wichtig für die Mediatoren sei die so genannte "Spiegelung": Beschreibungen in eigenen Worten so umzuformulieren, dass eine andere Sichtweise ermöglicht wird. Nach Scholz Erfahrung wird Mediation vor allen Dingen von den Jüngeren akzeptiert: "Wir versuchen, die Leute in der achten Klasse schon mit uns vertraut zu machen." Dass Schüler und nicht Lehrer sich den Streitereien annähmen, sei enorm vertrauensfördernd: "Lehrern gegenüber hat man dann doch mehr Hemmungen."

Sichtlich beeindruckt von dem Lichterfelder Modell der Streitschlichtung zeigte sich die anwesende Justizministerin: "Eine Demokratie muss auf Leute setzen können, die so selbstbewusst sind wie ihr", sagte sie an die Schüler gerichtet. "Das Radfahrerprinzip, wo nach oben gebuckelt und nach unten getreten wird, bringt uns nicht weiter."

Däubler-Gmelin verknüpfte das Lob des Schülerengagements aber auch mit deutlicher "Kritik daran, was die Erwachsenenwelt an Konfliktlösungsmodellen bietet". Angesichts von Nachbarschaftsstreitigkeiten um Knallerbsensträuche und Ähnliches entführen einem "wahre Stoßseufzer", wenn es Leuten gelinge, ihre Probleme untereinander zu regeln.

Auch andere Schulen sind inzwischen aktiv geworden. An insgesamt 50 Berliner Schulen, darunter 16 Grundschulen, sind Streitschlichter im Einsatz. Die Lichterfelder bleiben dennoch einzigartig. Denn mit dem Modell, mit ganzen Schulklassen zu reden ("General Group Counselling") steht das Lilienthal-Gymnasium bisher alleine da.

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