Berlin : Wie Schüler reagieren: An Unterricht war nicht zu denken

Katja Füchsel

Einzeln steigen sie die Stufen zum amerikanischen Konsulat hinauf, schweigend legen sie auf dem Absatz ihre Blumen nieder. Schüler um Schüler, Rose um Rose. Mittwochmittag zur Clayallee zu ziehen, hatten die Jugendlichen spontan beschlossen. Um ihre Trauer auszudrücken. Und ihr Mitgefühl. "Denn dafür steht unsere Schule: für die Solidarität zwischen den Völkern", sagt Benjamin Hertz, Schülervertreter der John-F.-Kennedy-Schule.

Am Tag nach den Anschlägen war in seiner Schule nichts wie vorher. Morgens warteten Polizisten vor den Eingängen, sie bewachen das Areal seit Dienstagabend weiträumig. Drinnen wurden gestern weder Mathe noch Bio gegeben. "Wir haben die ganze Zeit geredet", sagen Alex und Max, Schüler der 11. Klasse. Über die Sicherheitsvorkehrungen der Polizei. Über die anstehende Alarmübung in der Schule. Und ihre fünf Klassenkameraden, die derzeit in New York als Austauschschüler leben. "Die sind alle okay", sagt Alex.

Am Morgen waren die Schüler zunächst in drei großen Durchgängen - je nach Alter - in die Aula gerufen worden. "Wichtig ist, dass sich auch nach so einem Ereignis jeder weiterhin als Teil der Schule fühlt", sagt Schulleiter Ulrich Schürmann. Denn die "JFK" sei nicht nur eine amerikanisch-deutsche Schule. "Wir haben 38 Nationen und alle Weltreligionen im Haus." Fast die Hälfte der 1700 Schüler sind Amerikaner. Vor allem ihre Eltern mussten beruhigt werden: Laut Botschaft, versichert Schürmann, besteht für amerikanische Einrichtungen hierzulande "keine aktuelle Gefahr".

Auch nach dem Treffen in der Aula ging man in den Klassenzimmern nicht zur Tagesordnung über. In zwei Räumen konnten die Schüler der Highschool das Programm der Nachrichtensender verfolgen: einmal auf Englisch, einmal auf Deutsch.

Derweil beschlossen ihre Klassensprecher, selbst etwas zu tun. Über Lautsprecher forderten sie die Oberschüler auf, sich zum Mahnmarsch zu sammeln. "Man kann auch nicht pausenlos darüber sprechen", sagt eine Lehrerin, die sich in ihrer Freistunde dem Aufruf angeschlossen hat. Auch sie hält eine rote Rose in der Hand. "Es ist das Einzige, dass einem einfällt, um der Trauer Ausdruck zu geben."

Fassungslosigkeit, Trauer, Ungewissheit - die Gefühlslage im Zug der Schüler glich der Stimmung in der Stadt. "Viele von uns haben Freunde und Verwandte in New York", sagt Benjamin Hertz. Etwa eine halbe Stunde braucht die Polizei, um für die jugendliche Spontandemo den Geleitschutz zu organieieren. Als der Zug die Clayallee erreicht, wird er hier von einem Botschaftsangehörigen empfangen. "Nice and moving", sei die Aktion der Schüler. Zufrieden zeigt sich, zumindest in einem Punkt, auch Schürmann. "Durch solche Ereignisse rücken die Schüler enger zusammen."

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