Wie Schulen Migranten aufnehmen : Willkommensklassen machen ausländische Kinder fit

Intensiv Deutsch, dazu Mathe, Englisch, Bio, Sport: Willkommensklassen bereiten Kinder auf die Regelschule vor. Nach einem Jahr sollen sie dem normalen Unterricht folgen können. Nicht überall funktioniert das so gut wie am Wald-Gymnasium in Charlottenburg.

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Intensiver Deutschunterricht ist ein wesentlicher Bestandteil der Willkommensklassen an Berliner Schulen.
Intensiver Deutschunterricht ist ein wesentlicher Bestandteil der Willkommensklassen an Berliner Schulen.Foto: dpa/Patrick Pleul

Die zwei Mädchen aus Westafrika waren ohne Eltern in Berlin. Was ihnen passiert ist, auf welchen Wegen sie hierher gekommen sind, weiß Schulleiter Wolfgang Ismer nicht. Die Mädchen sprachen weder Deutsch noch Englisch. Ismer weiß aber, dass die beiden hoch motiviert waren, so schnell wie möglich Deutsch zu lernen. Sie schafften es – und inzwischen besuchen sie ein Gymnasium.

„Eine Erfolgsgeschichte“, findet Ismer. Er hat die Mädchen in einer Willkommensklasse unterrichtet. An seiner Schule, dem Wald-Gymnasium in Charlottenburg, gibt es seit knapp zwei Jahren zwei solcher Lerngruppen, in denen Jugendliche ohne Deutschkenntnisse unterrichtet werden. Auf dem Stundenplan steht vor allem intensiver Deutschunterricht, aber auch Mathematik, Englisch, Biologie und Sport. Nach spätestens einem Jahr sollen die Schüler dem Unterricht in einer Regelklasse folgen können. Etwa ein Drittel wechsle dann in eine Gymnasialklasse, zwei Drittel gehen auf Sekundarschulen.

Zugewiesen werden sie von der Klärungsstelle der Schulaufsicht. Vor zwei Jahren fragte diese, ob das Gymnasium Willkommensklassen einrichten könne. Ismer suchte sich engagierte Lehrer, die schon länger Deutsch als Zweitsprache unterrichten, und übernahm selbst eine Mathematikgruppe. Unterschiedlich seien die Vorkenntnisse, die die Schüler mitbringen, und ganz verschieden seien auch die Geschichten der Kinder. Manche sind traumatisiert von Krieg und Flucht. Nicht alle stammen aus Flüchtlingsfamilien, einige kommen aus Spanien, aus Irland oder Rumänien. Auch das Alter ist gemischt – bis zu zwölf Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren sind in einer Gruppe.

Eine Trennung von den übrigen Schülern ist ein Fehler

Ihm sei es wichtig, den Schülern fachliche Grundlagen beizubringen – Bruchrechnung und Gleichungen etwa in Mathematik, also Fertigkeiten, auf denen sie in den Regelklassen aufbauen können. Als Besonderheit bereitet das Wald-Gymnasium seine Willkommensschüler auf eine Prüfung für ein deutsches Sprachdiplom vor, mit dem sie ihre Deutschkenntnisse nachweisen können. „Das kann ihnen etwas nützen, selbst wenn sie wieder woanders hin müssen“, sagt Ismer. Doch selbst für sein „hoch motiviertes Kollegium“ sei es schwierig und frustrierend, dass die Schüler häufig schnell wechseln, weil sie wieder umziehen oder sogar das Land verlassen müssen.

Nicht an allen Schulen läuft es mit den Willkommensklassen so gut wie am Wald-Gymnasium. Der Landesschülerausschuss berichtet von Schulen, die solche Klassen von den übrigen Schülern separierten, mit eigenen Pausenzeiten. Bildungspolitiker erwähnen Fälle, in denen die Schüler nach Herkunftssprachen getrennt würden.

Davon hält Ismer nichts. Bei Schulfesten, dem Weihnachtsbasar und manchmal im Sportunterricht kämen die Schüler mit den anderen zusammen, auch im Orchester hätten schon Schüler aus Willkommensklassen mitgewirkt. Mehr Unterstützung wünscht er sich beim Übergang in die Regelklassen. Zusätzliche Lehrerstellen seien nötig, damit ein Pädagoge ein paar Wochen lang einen Schüler begleiten und auch mal ein paar Stunden bei ihm sitzen könne, um ihn bei der Umstellung zu unterstützen.

Mehr als 300 Willkommensklassen in Berlin

Mehr als 300 Willkommensklassen gibt es an Berliner Schulen – und es werden immer mehr. Seit 2012 hat sich die Zahl verdreifacht, und jede Woche kommen neue Schüler dazu. Für die Schulen ist das eine große Herausforderung, zumal in vielen Bezirken die Räume knapp sind. Zum Umgang mit den Flüchtlingskindern in Willkommensklassen hat die Senatsbildungsverwaltung einen 16-seitigen Leitfaden herausgegeben. Dort gibt es auch einen Info-Film über das Berliner Schulsystem, der sich in mehreren Sprachen an neu zugewanderte Familien richtet. Infos unter www.berlin.de/sen/bildung/foerderung/sprachfoerderung.